Kultur : Schlacht der Worte

Frankreichs Intellektuelle vermissen die Politik im Irak-Krieg

Roman Luckscheiter,Christiane Peitz

Von Roman Luckscheiter

und Christiane Peitz

Frankreichs Intellektuellen scheint es die Sprache verschlagen zu haben. Bis zum Beginn des Irak-Kriegs hatten sie unentwegt in den Feuilletons diskutiert, wie und zu welchem Zweck ein Krieg geführt oder vermieden werden solle. Zu den wenigen prominenten Kriegsbefürwortern gehörte der Philosoph André Glucksmann, der gemeinsam mit dem Schriftsteller Pascal Bruckner und dem Filmemacher Romain Goupil die gewaltsame Beseitigung Saddam Husseins forderte – der Diktator von Bagdad sei ebenso gefährlich wie Slobodan Milosevic. Glucksmann verwies außerdem auf die prekäre Allianz der europäischen Kriegsgegner mit Ländern wie Russland, China und Syrien und warnte vor dem Hintergrund anti-israelischer Untertöne des Kriegsprotests vor einem weiteren Ansteigen des Antisemitismus in Frankreich.

Seit nun Bomben auf Bagdad fallen, ist der Streit zwischen der pazifistischen Mehrheit und der kriegsbefürwortenden Minderheit ersetzt durch Schaubilder der Militärexperten und Fotoreportagen des Elends. Hin und wieder flackert ein Gefecht um Europas Rolle bei der Verhinderung des Weltfriedens auf, ab und zu werden die Deutungen des Völkerrechts neu hinterfragt. Aber ansonsten herrscht Schweigen.

Fast erinnert man sich wehmütig an die Tage, als der „vorauszusehende Krieg“ im Zentrum der Debatte stand. Der Philosoph Jean Baudrillard hatte Mitte März in der „Libération“ die Pläne der Amerikaner schlicht als „Nicht-Ereignis“ bezeichnet. Als Präventivmaßnahme gegen eine Gefahr, die keiner kenne, könne der Kampf der anglophonen Armee nicht als Krieg bezeichnet werden. Deren Streben ziele auf Auslöschung ab: Das Böse der Vergangenheit, wie es sich in den Terroranschlägen vom 11. September manifestiert habe, solle ebenso ungeschehen gemacht werden wie das potenziell Böse der Zukunft. Laut Baudrillard setze diese Strategie die ständige Präsenz des Terrors voraus. Vorstellungen von Souveränität und Repräsentanz würden dabei im Strudel des aggressiven Sicherheitsrausches verschwinden.

Während der Philosoph die Realität im Virtuellen entweichen sieht, vermisst der Soziologe die Stimme des Politischen. Mit dem „immensen Kompromiss gegen den Krieg“ habe sich in der öffentlichen Meinung ein neues Einheitsdenken etabliert, eine „Front der Verweigerung“, die einen überaus problematischen Konsens darstelle, schrieb Michel Wieviorka ebenfalls in der „Libération“. Zum einen drohe dieser Konsens, die Frage der Menschenrechte außer Acht zu lassen, indem er Saddams Übeltaten ebenso ausklammere wie diejenigen Russlands und Chinas. Zum anderen wirft Wieviorka den Kriegsgegnern vor, mit ihrem theatralischen Nein zum Krieg eine geistige Leere zu füllen und die Abwesenheit konkreter politischer Vorschläge mittels moralischer Substitute und Emotionen kompensieren zu wollen. Es fehlten klare europäische Konzepte als überzeugende Gegengewichte gegen die amerikanische Hegemonie. Stattdessen seien die Medien allzu beschäftigt mit pazifistischer Mobilisierung, kurz: mit einer „Nicht-Debatte“.

„Nicht-Ereignis“, „Nicht-Debatte“: Die provokanten Begriffe lenken den Blick gleichwohl auf ein Desaster: Inmitten der globalen Turbulenzen und angesichts des mittlerweile offenen Antisemitismus vieler arabischer Jugendlicher bei den Antikriegs-Demonstrationen in Paris versagt nicht nur das Leitsystem der Politik, sondern auch die reflektierende, die Öffentlichkeit kontrollierende intellektuelle Instanz.

Allerdings meldete sich gestern Claude Lanzmann in „Le Monde“ zu Wort: Als erklärter Kriegsgegner beunruhigt den Filmemacher gleichwohl die „Gefahr in unseren Straßen“. Die antijüdischen Aggressionen setzten Irak und Palästina gleich; erneut werde Israel zum idealen Sündenbock gemacht, ungeachtet seiner Distanz zum Kriegsschauplatz. Gleichzeitig spart Lanzmann nicht mit Kritik an Bushs vermeintlichen Kriegsmotiven: Der Krieg sei keine humanitäre Maßnahme von Befreiern, „die den Kindern Bonbons zuwerfen“. Humanitär seien höchstens die Wiederaufbaupläne, die man schon vor der Zerstörung hege. „Das ist die neueste Variante des Rechts auf Einmischung, das den Siegern erlaubt, im Namen des Guten jede beliebige Apokalypse zu entfesseln. Aber die Offenbarung gibt es nicht stückweise. Diese Apokalypse ist ihrem Wesen nach blind.“

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