Kultur : Schlacht und Macht

AUSSER KONKURRENZ Zack Snyders „300“

Sebastian Handke

Dreihundert halbnackte Männer mit Bärten türmen an der Küste Leichenberge auf – das ist doch mal ein Plot, mit dem sich arbeiten lässt. So ähnlich geschah es wirklich, 480 vor Christus, als sich in der Schlacht bei den Thermopylen eine kleine griechische Armee dem Riesenheer Persiens entgegenwarf – in einem aussichtslosen, aber kriegsentscheidenden Hinhaltegemetzel. Der große Comicautor Frank Miller („Sin City“) adaptierte diesen Stoff in seiner Mini-Serie „300“: ein finsteres Epos vom brütenden, zynischen König Leonidas, der seine Männer für die Freiheit in den sicheren Tod führt.

Robert Rodriguez’ war es in seiner „Sin City“-Verfilmung gelungen, die Essenz des Comics kongenial ins Medium Film zu überführen. Zack Snyder, der zuletzt George A. Romeros Horrorklassiker „Dawn of the Dead“ neu verfilmte, hatte mit „300“ jetzt dasselbe vor. Dabei benutzte er ebenfalls das digital-backlot-Verfahren: Nur die Darsteller werden aufgenommen, alles andere ist am Rechner erfunden. Jeder einzelne Bildpunkt ist im Grunde frei gestaltbar. Was man aber für „300“ aus diesen Möglichkeiten machte, ist eine Enttäuschung. Wenig ist geblieben von der schmutzigen Expressivität des Originals, dem epischen Ingrimm seiner doppelseitigen Panels – „300“ sieht aus wie ein falsch belichteter Sandalenfilm.

Einige Schlachtsequenzen sind bemerkenswert. Vor allem wenn es Mann gegen Mann geht, findet Snyder einen ballettösen Rhythmus von Be- und Entschleunigung, je nachdem, ob gerade Maß genommen oder zugestoßen wird. In diesen Momenten blitzt etwas davon auf, was „300“ hätte sein können, wenn man der zweidimensionalen Bildlichkeit des Comics etwas dem Film Eigenes zugegeben hätte – eine blutig schwarze, wilde Kinetik von Masse, Bewegung und Zerstörung. Stattdessen: falsch verstandene Werktreue.

Natürlich gibt es starke Einzelbilder in Snyders Film, doch sie werden verspült von der hellbraunen Schlacke des endlosen Sepia-Bildflusses. Das Blut spritzt und saftet in dicken Tropfen, Umhänge fliegen und Sehnen spannen sich. „Hu! Hu! Hu!“, rufen die 300 bärtigen Krieger ihrem Feind entgegen, der schwarz und schwul ist und gierig und geil. Und dann stimmt, zwischen Schlagwerk und Frauenchor, noch die bratzende Industrial-Gitarre ins Klirren der Schilde mit ein – manchmal gefällt sich „300“ in einem etwas unheimlichen Fascho-Flair.

Ein Film wie dieser kann nur dann gelingen, wenn er seine umfassende Hohlheit mit Glanz und Stil überhöht. Zack Snyders Bilder aber und sein ganzer brüllender Macho-Kram sind so ermüdend, dass man Spartas Härte braucht, um „300“ durchzustehen, bis endlich alle tot sind.

Heute 15 Uhr (Urania) und 22.30 Uhr (International)

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