Kultur : Schlag auf Schlag

Trommeln und wirbeln: Das japanische Ensemble „Yamato“ gastiert in der Komischen Oper in Berlin

Christiane Tewinkel

Laut wird es werden. Wenn die Frauen und Männer von „Yamato“ sich im rauchigen, dunkelrotschwarzen Bühnenbild aufstellen und anfangen loszuschlagen, wenn sie martialisch herumspringen und mit starren Hölzern und riesigen Schlägeln ihre Pauken, Zimbeln, Fässer und Trommeln bearbeiten, dann fürchtet man im Publikum mitunter um sein Gehör. Es gongt von vorn und drischt und kracht fortwährend, verdichtet sich noch, wenn rhythmische Lagen übereinandergeschichtet werden, hält vielleicht einmal für einen Augenblick ein – doch nur, um danach umso konsequenter weiterzutönen. Schlag auf Schlag auf Schlag. Laut ist es also, sogar über jene Einlage hinweg, bei der das Publikum mitmachen soll, lau bleibt es trotz der kleinen Zimbelzwischenetüde, bei der die japanischen Künstler sich am Bühnenrand aufstellen und Clownerien übers Vormachen und Nachahmen vorführen. Und laut wird es bleiben, bis sich die zehn endlich in alle Sinne hineingetrommelt haben und Stunden später noch das Gefühl im Ohr bleibt, etwas irgendwie Eindrückliches erlebt zu haben, ohne genau sagen zu können, was.

Acht Nummern präsentiert das zehnköpfige Ensemble aus Japan ab Freitag in der Komischen Oper. „Rekka“ („Loderndes Feuer“) heißt eine dieser Nummern, eine andere nennt sich „Hamon“ („Kreise auf dem Wasser“) oder „Inazuma“ („Blitz“). Die Inhalte erkennt man zwar nicht. Was sichtbar wird und hörbar, ist stattdessen: Dynamik, Energie, reine Kraft, achtfach durchexerziert. Und Disziplin, noch in das allerkleinste Lächeln hinein und die vielen absichtsvoll bewundernden Blicke der Künstler in die Gruppe, zu den je anderen.

Oft wirkt das ansteckend. Manchmal erregt es Mitleid. Künstler, die sich auf diese Weise veräußern, ohne sich auch nur eine Sekunde lang hinzugeben, sieht man selten. „Auch wenn es weh tut, gehen wir auf die Bühne“, sagte ein Ensemblemitglied einmal. The tour must go on, noch bei Fieber, Schmerzen und verstauchten Gelenken. Von Berlin nach Köln, fast täglich eine Aufführung, manchmal zwei, Hamburg und Zürich, immer weiter.

Insofern passt das Motto, das die Japaner sich geben. „Yamato“ schaffe „den Moment, in dem der menschliche Herzschlag mit dem ,Herzschlag der Seele’ zusammenfällt“. Man wolle nichts weniger als den „Energietransfer von der Wurzel in die Welt“. So formuliert es Masa Ogawa, künstlerischer Leiter und Gründer der Gruppe, die seit 1993 besteht und immer wieder neue Mitglieder rekrutiert, die dann eine aufwändige Eingewöhnungsphase durchlaufen. Geschickt manövriert Ogawa sein Ensemble durch eine Entertainment-Szene, die mehr von Ethno-Klischees wissen möchte als von traditioneller Kunst.

„Yamato“ ist die japanische Version von „Stomp“, jener amerikanischen Truppe, die vor zehn Jahren damit begann, auf alles mögliche einzuschlagen, bevorzugt auf leere Mülltonnen. Einen Siegeszug ohnegleichen trat „Stomp“ seinerzeit an. Dass die Instrumente simpel waren und doch stark wirkten, überrascht allerdings nur den, der nicht weiß, dass sich die Musikologen bis heute darüber streiten, was zuerst da war: Die Stimme oder der Herzschlag? Die Melodie? Oder doch der Rhythmus?

Die anthropologische Konstante Rhythmus jedenfalls zeitigt ein Rezeptionsvokabular, in dessen Mitte sich stets das Attribut „mitreißend“ stellt. Anders gesagt: Wer ein großes Trommeln hört – vor allem dann, wenn es gut gemacht ist – ist immer gemeint. Der Rhythmus, wo jeder mitmuss, lockt gerade in seiner Einförmigkeit, seiner steinzeitalten Vertrautheit und einer klanglichen Übermacht, der sich kein körpereigener Resonanzraum verschließen kann. Wer nicht hören will, wird spüren: Auch die „Yamato“-Bühne besticht durch quasi-göttliche Obenanstellung der ganz großen Trommel, auf die in ausgesuchten Momenten und mit ritualisierten Gesten eingeschlagen wird, ein großer, dumpfer, alles umwölkender Klang.

Nur erwartbar, dass schon das Styling der Gruppe den Klischees entspricht. In langen Gewändern, mit ungezähmten Haarfrisuren treten sie auf, lockig, buschig, wild. Keiner der zehn ist ausgebildeter Musiker. In Japan beäugt man ihre Kunst als trash, dort tritt die Gruppe so gut wie nie auf. Erfolgreich ist man im Ausland, so weit weg wie möglich von der Heimat. Ogawa verschweigt denn auch nicht, dass sich bei „Yamato“ Vermarktungsstrategien vor die Pflicht zur Authentizität gestellt haben.

Denn natürlich gibt es japanische Trommeln verschiedenster Art. Und natürlich begleitet diese Instrumente – wie die der ganzen Welt – ein reicher kulturspezifischer Bedeutungshintergrund. Für „Yamato“ aber interessiert er nur, weil er diffus ausstrahlt und kalkulierbare Bedürfnisse bedient: Die Show ist ein Spektakel, bei dem sich Pseudo-Ritual und Pseudo-Musik die Hand reichen. Dafür muss man sich in der Kunst traditioneller japanischer Musik nicht auskennen, wie überhaupt auch die „Yamato“-Musiker mehr schlagen als spielen. Ihr Trommeln, Springen und Ur-Schreien aber jagt genügend Ehrfurcht ein vor der geistigen und körperlichen Disziplin, die hier ohne Unterlass zur Schau gestellt wird.

Dass die durchschnittlich 25-Jährigen ihre Tage und Tourneen gemeinsam verbringen, monatelang probieren, in Japan und auf den Tourneen zusammen wohnen, kochen, essen und morgens dauerlaufen, nimmt man ihnen sofort ab. Von Berlin aus wird es – „wie bei einem Straßenlaternenlauf, nicht anhalten, nur weiter und immer weiter“, sagt ein Ensemblemitglied – nach Köln, Hamburg und Zürich gehen.

Komische Oper, 21. bis 30. Juli

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