Kultur : Schlag die Glocke, wenn du dich traust

ORCHESTERMUSIK

Ulrich Pollmann

Die flotte Eingangsfanfare von Vykintas Baltaks, der auch das Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin im Konzerthaus leitete, führte in die Irre: Ruhige bis meditative Musik erwartete die Hörer im einzigen Orchesterkonzert der Maerzmusik . Makiko Nishikazes Auftragskomposition „Illuminaera“ zeigt und verhüllt kleine Klangbausteine in filigraner Weise, ohne ihnen Richtung zu geben. Nicht klangliches Raffinement französischer Art sucht sie, eher gibt sie den Klängen wie Morton Feldman scheinbar absichtslos Raum zur Entfaltung. Nur gelegentlich blitzen scharfe Klänge auf, ohne jedoch erkennbar Funktion zu erlangen. Auch Erhard Grosskopf sucht in seiner Musik nicht Zeit zu gestalten, sondern Klänge. Er nimmt für seine „Plejaden“ (sieben ähnliche Stücke für Klavier und Orchester) atonale Akkorde, lebendige Rhythmen und expressive Klavierpartien zum Ausgangspunkt für einen Balanceakt: Die Entwicklung langer Stücke als spannend erzählte Geschichte lehnt er ab, für Miniaturen Webernscher Machart sind die Stücke nicht knapp genug. Sie wirken wie verlangsamte, fast gefrorene Splitter dramatischer Musik. In den besten Momenten zeigt das Klangmaterial durch dieses Verfahren unerwartetes Innenleben. In seiner 5. Sinfonie lebt der Armeniers Awet Terterjan seine Vorliebe für lange, in sich ruhende Töne und prächtige Glockenklänge aus. Das mag für Europäer kitschig und unfreiwillig komisch wirken – ihn stört das nicht. Er lebt selbstbewusst ein von europäischer Tradition unberührtes Ausdrucksbedürfnis.

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