Kultur : Schlag nach bei Rilke

Bremer Museen zeigen die Worpsweder Künstlerkolonie mit den Augen des Dichters

Günter Beyer

1903 erschien in der Reihe Künstlermonografien bei Velhagen & Klasing ein Band über die Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Der Autor Rainer Maria Rilke war bisher nicht als Verfasser kunstwissenschaftlicher Arbeiten in Erscheinung getreten. Auf Einladung von Heinrich Vogeler lebte der Dichter zwischen 1900 und 1902 in dem abgeschiedenen Dorf im Teufelsmoor, das den Ruhelosen sofort in Bann schlug. „Ich finde ein Land und Menschen, finde sie so, als ob sie mich erwartet hätten“, notierte Rilke. In seinem Worpswede-Text stellt er neben Gastgeber Vogeler Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende und Fritz Overbeck ausführlich vor. Die im Dorf tätigen Künstlerinnen verschweigt er. Weder die Malerin Paula Becker, seit 1901 mit Modersohn verheiratet, noch die Bildhauerin Clara Westhoff, mit der Rilke selber für kurze Zeit verheiratet war, werden erwähnt.

Das hundertjährige Buchjubiläum gibt der Bremer Kunsthalle Anlass für eine Schau, die allerdings nicht als herkömmliche Ausstellung missverstanden werden will, sondern als „Phantasie über ein Buch“. Die Essener Bühnenbildnerin Nicola Reichert setzte Rilkes prätentiösen Text in fünf aufwendig inszenierte Szenarien um. Fast alle von Rilke beschriebenen Gemälde sind als Teil einer Kulisse zu sehen. Jedem der fünf Künstler ist eine Farbe als atmosphärischer Grundton zugeordnet. Fritz Mackensen erhält die Farbe Schwarz. Im düsteren Ambiente verdoppeln sich seine schwermütigen Gemälde vom harten Leben der Torfbauern zur dreidimensionalen Bühne eines deftigen naturalistischen Dramas. Seinem Gemälde „Trauernde Familie“ (1896) etwa stellt Nicola Reichert bäuerliche Trauerkleidung aus dem Fundus, einen echten Kindersarg, Schubkarre und Torfsoden als Requisiten zur Seite. Heinrich Vogelers Gemach in frischem Pastellgelb setzt dagegen einen ironischen Akzent: Aus einem Beet mit Rosenblättern lugt eine Ritterrüstung, Anspielung auf die naive Märchenseligkeit des Frühwerks. Inszenierung oder (Über-)Inszenierung? Es drängt sich der Verdacht auf, als traue man den Bildern nicht und helfe mit Dekor nach.

Dass Rilke 1903 mit Paula Modersohn-Becker ausgerechnet die wichtigste Worpsweder Malerpersönlichkeit ausgegrenzt hatte, machen die Kunstsammlungen Böttcherstraße deutlich. Die drei Mackensen-Schülerinnen Paula Becker, Clara Westhoff und Marie Bock hatten 1899 erstmals gewagt, ihre Ölbilder, Zeichnungen und Skulpturen mit Motiven des bäuerlichen Worpsweder Alltags in der Bremer Kunsthalle auszustellen. Arthur Fitger, historistischer Malerfürst und Platzhirsch der Kunstkritik an der Weser, verriss die „unqualificirbaren Leistungen“ der drei. Noch vor Ende der Laufzeit hängte Paula Becker eigenhändig ihre Bilder ab und wagte sich erst 1906 wieder in die Öffentlichkeit.

Zu sehen ist in der Böttcherstraße eine Rekonstruktion der verrissenen Ausstellung von 1899. Auch Rilke ist in der Böttcherstraße präsent: Seine Privatbriefe an Paula Modersohn-Becker, auszugsweise an den Wänden nachzulesen, begleiten einfühlsam ihr Oeuvre („rücksichtslos geradeaus malend“) bis zu ihrem frühen Tod 1907. Nicht ohne Pikanterie auch die Tatsache, dass Rilke ihr Werk viel intensiver verfolgte als das seiner Frau Clara Rilke-Westhoff.

Rilke. Worpswede. Kunsthalle Bremen bis 24. August. Der Katalog (24 Euro) enthält den vollständigen Rilke-Text von 1903.

Rücksichtslos geradeaus malend. Kunstsammlungen Böttcherstraße, bis 31. August .

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