Kultur : Schlingensief in Österreich: Container Austria - Erfolg durch Irritation

Wolfgang Kralicek

Nichts ist so typisch für Österreich wie die "Kronen Zeitung": Ihre Melange aus Boulevard und Polemik, aus Ressentiment und Entertainment ist weltweit einzigartig. Am Sonntag stand die "Krone" noch einmal ganz im Zeichen der Schlingensief-Aktion, die das Blatt und die Stadt eine Woche lang in Atem gehalten hatte. Ein Bericht, ein Kommentar, ein Gedicht und die Schlagzeile ("Container-Show kostet Millionen") waren Schlingensief gewidmet.

Für Christoph Schlingensief, der das Projekt am Sonntag öffentlich mit dem Philosophen Peter Sloterdijk diskutierte, ist diese Ausgabe der "Kronen Zeitung" das nachträgliche Programmheft zu seiner Inszenierung. Tatsächlich, ergänzte Sloterdijk, könne man bei einer derartigen Aktion erst nachher sagen, was es ist: "Im Allgemeinen nennen wir solche Ereignisse historisch."

Wie berichtet, hatte der von Luc Bondy zu den Wiener Festwochen eingeladene Schlingensief am Pfingstsonntag neben der Staatsoper ein kleines Containerdorf errichtet, in das zwölf Asylantinnen und Asylanten einzogen, die vom Publikum nach dem "Big Brother"-Prinzip "abgeschoben" werden konnten; der Container war mit Fahnen der ausländerfeindlichen Regierungspartei FPÖ und der Aufschrift "Ausländer raus" versehen. (Ein "Kronen Zeitung"-Transparent musste nach massiven Klagedrohungen schon am ersten Tag entfernt werden.)

Das Experiment "Bitte liebt Österreich" hatte die übliche Das-soll-Kunst-sein-Polemik zur Folge und wurde von der Wiener FPÖ dazu benützt, den Rücktritt des Kulturstadtrats Peter Marboe zu fordern. Die Aktion selbst wurde von teils heftigen Diskussionen zwischen Passanten und Schlingensief begleitet; es gab einen versuchten Brandanschlag und Buttersäureattentate, bis am Donnerstag einige Teilnehmer der wöchentlichen Anti-Regierungs-Demonstranten den Container stürmten und das "Ausländer raus"-Schild demolierten.

Ob sie Schlingensief missverstanden oder bloß mitspielen wollten? Egal, Missverständnisse gehörten ohnehin zum Konzept. Manche Touristen brachen beim Anblick der Container entsetzt den Urlaub ab, andere beschwerten sich bei der Botschaft: Dieses Land sei ja noch schlimmer, als sie gedacht hätten! "Die Frage war: Was für ein Bild muss gebaut werden, damit man endlich sieht, dass Österreich verloren ist?", sagte Schlingensief im Gespräch mit Sloterdijk. Dass man sein Projekt in Österreich derzeit offenbar mit der Realität verwechseln kann, ist vielleicht das stärkste Indiz dafür, wie richtig es war.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben