Schloss : Eine Kritik an Stellas Entwürfen

Stella II: Kritische Anmerkungen zur Überarbeitung von Franco Stellas Schloss-Entwurf. Im neuen Schloss-Entwurf jedenfalls zeigt sich eine geradezu lähmende Reihung und Wiederholung. Stella hat das poetische Moment, das seinen Siegerentwurf auszeichnete, zugunsten der Nutzungsanforderungen verloren.

Bernhard Schulz
307834_3_xio-fcmsimage-20091101172213-006000-4aedb5b506389.heprodimagesfotos86120091031schlossnordost.jpg
Nur noch Atrappe. Die überarbeitete Ostfassade des Stella-Entwurfs dienst nur noch der Kaschierung von Fluchtwegen. -Foto: BMVBS

Ein halbes Jahrhundert debattierten die Bürger Vicenzas, wie ihr 1496 durch einen Teileinsturz beschädigtes Stadthaus, der Palazzo della Ragione, wiederhergestellt werden sollte. 1549 gaben sie dem fast unbekannten Andrea Palladio dann endlich den Auftrag. Palladio umgab die sogenannte Basilica mit einer hochmodernen Renaissancefassade, die dem gotischen Altbau in gebührendem Abstand vorgeblendet wurde.

Dieses Motiv einer vorgeblendeten Scheinfassade beschäftigt seither die Architektur. Es wundert daher nicht, dass der Vicentiner Franco Stella in seinem Schloss-Entwurf gleichfalls eine solche vorgeblendete Fassade vorsieht, und zwar im Osten, mit Blick auf die Spree, wo laut Bundestagsbeschluss eine zeitgenössische Lösung gestattet ist.

Inzwischen hat Stella seine Entwürfe überarbeitet, denn die Anforderungen der künftigen Nutzer des Humboldt-Forums im Schloss werden konkreter. Der „Zwischenstand der Vorplanung“, über den am vergangenen Montag in einer etwas skurrilen Abschiedsvorstellung des nun aus dem Amt geschiedenen BauStaatssekretärs Engelbert Lütke Daldrup informiert wurde, zeigt leider deutlich, welchen Gefährdungen Stellas anfangs so überzeugender Entwurf ausgesetzt ist.

Das gilt vor allem für die Ostseite. Offenbar brauchen die Nutzer, insbesondere die Außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Fläche der von Stella ursprünglich vorgesehenen Schichtung aus Treppen und Loggien, die sich zwischen dem Schlossbau und der Ostfassade erstrecken sollten; sie wurde dem Raumbedarf zugeschlagen. So bleibt nur die vorgeblendete Fassade, die, als Kaschierung vorgeschriebener Fluchtwege gedacht, nun gänzlich funktionslos aus leeren Fensterhöhlen besteht, von denen man auf die Spree und die Grünfläche des Marx-Engels-Forums blicken kann. Stella selbst sieht das anders. Zum neuen Anbau sagt er, „seine scheinbare Zwecklosigkeit zeigt uns klar seinen öffentlichen Charakter – wie zum Beispiel bei den Loggien von Palladio in Vicenza“.

Weit gefehlt. Palladio hätte niemals Zweckloses gebaut; aber Stellas Ästhetik erinnert auch nur entfernt an die Renaissance. Viel näher liegt ihm der Rationalismus der achtziger Jahre, in dem die klassischen Strömungen seit Palladio gewissermaßen kondensiert wurden. Man denkt an Aldo Rossi, Giorgio Grassi, in Deutschland auch an Oswald Mathias Ungers: Architekten, die eine mathematisch präzise Ordnung obenan stellten und sich nicht scheuten, Regeln um ihrer selbst willen zu exekutieren. Stella hat solchen Einfluss zwar vehement verneint. Aber es gibt kulturelle Muster, die sich als historisches Erbe bemerkbar machen und Stella in der Tradition des italienischen Rationalismus verankern.

Für einen italienischen Architekten drängt sich angesichts der leeren Fensteröffnungen des Loggien-Vorbaus noch eine andere Assoziation auf. In dem für die Weltausstellung 1942 geplanten Quartier „E 42“ südlich von Rom bietet der „Palazzo della Civiltà Italiana“ genau diesen, auf alle vier Gebäudeseiten gesteigerten Anblick leerer Fensterhöhlen – de Chirico in Stein gemeißelt. Das betörende Spiel von Licht und Schatten, das sich unter der römischen Sonne in den tiefen Fensterlaibungen entfaltet, dürfte im Berliner Grau allerdings nur schwach an den Entwurf von Guerrini, La Padula und Romano aus dem Jahr 1937 erinnern.

Stella hat weitere, tiefgreifende Veränderungen vorgenommen. Der Eosanderhof, der westliche der beiden Schlosshöfe, ist zu einem gewaltigen Auditorium ausgeweitet worden, das 1800 Gästen Platz bieten soll. Gefasst wird dieser Raum von einer Rasterarchitektur aus Vierkantpfeilern und Galerien, hinter der sich die Mauern der Ausstellungsräume verbergen. Das Raster setzt sich in der gewaltigen Kassettendecke fort. Gewiss, sie ist verglast, aber zitiert eben doch das seit der römischen Antike klassische, als Herrschaftsarchitektur in zahllosen Bauten wiederholte Muster.

Und noch eine Assoziation gibt es: Die 1936 fertiggestellte Casa del Fascio von Giuseppe Terragni in Como zählt zu den Inkunabeln der Moderne – und hat es ihren Bewunderern immer schwer gemacht. War Terragni, dieser kompromisslos moderne Architekt, doch ein glühender Anhänger des Faschismus, dem er in Denkmalsentwürfen und Ausstellungsgestaltungen huldigte. Die Casa del Fascio zeigt – im Entwurf mehr als in der Ausführung – genau jenes vorgeschobene, gerasterte Stützensystem, das Stella seinen an die Seiten des Eosanderhofes gedrückten Museumskuben vorblendet.

Nun sind Stützenraster nicht „faschistisch“, wie es überhaupt keine genuin politische Architektur gibt. Es gibt nur vorhandene Formen, die in bestimmten politischen Systemen häufiger Verwendung finden als andere. Und es ist ein Charakteristikum der Mussolini-Zeit, dass sie kulturell ambivalent war und Traditionalisten wie Avantgardisten beschäftigte. Interessant im Hinblick auf Stella ist, dass der Rationalismus jener Zeit 1976 von der Biennale in Venedig quasi wiederentdeckt wurde. Die dortige Ausstellung machte Furore, weil sie lieb gewonnene Feindbilder ad absurdum führte und den neuen Rationalismus Italiens historisch unterfütterte. Stella war damals Anfang 30 – ein Alter, in dem sich ästhetische Haltungen festigen.

Im neuen Schloss-Entwurf jedenfalls zeigt sich eine geradezu lähmende Reihung und Wiederholung. Zwar war bereits das barocke Urbild des Schlosses von solcher Ästhetik geprägt; schon die Fassaden des Schlüterschen Ursprungsbaus wurden gen Westen verlängert, um das Bauvolumen zu verdoppeln. Aber Stella hat das poetische Moment, das seinen Siegerentwurf auszeichnete, zugunsten der Nutzungsanforderungen verloren. Der Gegensatz zwischen der barocken Inszenierung insbesondere des Schlüterhofes und der rationalistischnüchternen Modernität der Rasterstrukturen, den der Erstentwurf noch in der Balance hielt, erhält jetzt eine durch nichts gemilderte Schärfe.

Auch die von Stella so gern zitierte „Naht“ von Alt und Neu wird im überarbeiteten Entwurf zur reinen Spielerei. Der Abschluss der Barockfassade nach Osten hin zerläppert in einer glatten Putzfront, die auf den nun handtuchschmalen Vorbau an der Spree zuläuft. Das ist Postmoderne pur. Robert Venturi hat es seinerzeit beim Anbau der Londoner National Gallery ungleich eleganter gelöst.

Der Entwurf zum Humboldt-Forum steht an einer Wegscheide. Wenn sich die Nutzer mit ihrem Raumbedarf durchsetzen, wird das Ergebnis tatsächlich jene Fassadengaukelei sein, die die Gegner des Schlossbaus seit jeher erwarten. Stella – und seine Mitstreiter von den Büros gmp sowie Hilmer Sattler und Albrecht – müssen die Qualitäten des Erstentwurfs verteidigen. Und die deprimierend sinnlose Ostfassade zu jener Kraft der Gegenwartsarchitektur führen, die die Rekonstruktion des Barocks überhaupt erst rechtfertigt. Mehr Schlüter, weniger razionalismo: Das wäre die Formel fürs Gelingen. Es muss ja nicht ein halbes Jahrhundert gestritten werden wie damals in Vicenza.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben