Schlosskrümel und Semmelbrösel : Architektenkammer feiert ihr Jubiläum

In die Jubelstimmung im Kino International mischte sich die am gleichen Tag verkündete Schloss-Entscheidung des Bundeskartellamtes. Die Diskussion verdeutlichte: Wer über Architektur redet, spricht nur am Rande über Ästhetik. Im Zentrum stehen Geschichtsbilder und Geld.

Jürgen Tietz

Eigentlich wollte sich die Bundesarchitektenkammer zu ihrem 40. Geburtstag mit Festakt und einer weiteren Ausgabe des Architektonischen Quartetts selbst feiern. Als bundesweiter Zusammenschluss der in Länderkammern organisierten deutschen Architektenschaft war die Kammer 1969 in Hamburg gegründet worden. Was nach mittelalterlich geprägtem Zunftwesen klingt, hat sich als effektive berufspolitische Vertretung erwiesen. Erst jüngst hat die Organisation die neue „Honorarordnung für Architekten und Ingenieure“ durchgefochten.

Doch in die Jubelstimmung im Kino International mischte sich die am gleichen Tag verkündete Schloss-Entscheidung des Bundeskartellamtes, das das Vergabeverfahren an Franco Stella für ungültig erklärt hatte. Gleichwohl beharrte Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee in seiner Festrede darauf, dass das Berliner Schloss im geplanten Zeit- und Finanzrahmen gebaut würde – von Stella. Auch die vier Teilnehmer des Quartetts, die Stuttgarter Architekturkritikerin Amber Sayah und ihre beiden Kollegen Rainer Haubrich (Welt) und Claudius Seidl (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) knöpften sich mit Kameramann Michael Ballhaus als interessiertem Laien das Schloss vor. Christian Welzbacher stellte zuvor in seiner gewohnt launig-souveränen Einleitung fest: „Aus Raider wird Twix und aus dem Berliner Schloss das Humboldt-Forum.“

Neues war von der Diskussion nicht zu erwarten; man wälzte die altbekannten Argumente wie das Wiener Schnitzel in den Semmelbröseln. Einen einsamen Kampf focht Rainer Haubrich als Schlossbefürworter aus. Insgesamt ging es an diesem Abend um Großprojekte: Die Hamburger Elbphilharmonie (250 Millionen Euro) des Schweizer Star-Duos Herzog und De Meuron, deren Esprit sich Amber Sayah für den Berliner Schlossplatz wünschte, und die Verwandlung des Stuttgarter Hauptbahnhofs vom Kopf- in einen Durchgangsbahnhof durch Christoph Ingenhoven (3,1 Milliarden Euro). Die Diskussion verdeutlichte: Wer über Architektur redet, spricht nur am Rande über Ästhetik. Im Zentrum stehen Geschichtsbilder und Geld. Doch Bauen ist auch eine ökologische Herausforderung. Zumindest darin war man sich auf dem Podium einig. Jürgen Tietz

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