Kultur : Schmerzlust

Zum Abschluss des Tanz- Festivals „Move Berlim“

Sandra Luzina

Zehn Tage brasilianischer Tanz – und alles ging intensiver über die Bühne, als man es im gemäßigten Berlin gewohnt ist. Sehr politisch war dieses vom Hauptstadtkulturfonds unterstützte Festival konzipiert, und zugleich sehr sexy! Samba ja, aber von einem „verrückten Neger“ getanzt (so nennt sich Luiz de Abreu selbst, der zur Eröffnung auftrat: ein Triumph!) und gegen den Strich gebürstet. Den brasilianischen Körpern wurde heftig zugesetzt, sie hatten sich symbolisch und physisch abzuarbeiten. Die ultimative Belastungsprobe wartete mit Cena 11 auf die Zuschauer. In „Skinnerbox“ demonstriert die Gruppe, die bereits mit „Violência“ vor zwei Jahren, beim ersten „Move Berlim“-Festival, Furore machte, wieder ihren Hardcore-Stil und ihre stählerne Konstitution. Sie fallen mit krachendem Geräusch kerzengrade zu Boden, ohne den Sturz abzufedern. Beim bloßen Zuschauen zuckt man zusammen, so direkt scheint sich der Schmerz zu übertragen. Doch diese unkaputtbaren Tänzer und vor allem Tänzerinnen scheinen mit unendlicher Lust und Hingabe zu fallen. Obsessiv muten diese Sturzorgien an. Gleichzeitig erinnern die Akteure an Versuchstiere: Der Amerikaner Skinner, auf den sich das Stück bezieht, war Erfinder des Tierversuchskäfig. Choreograf Alejandro Ahmed arbeitet an der Schnittstelle Mensch/Maschine. Seine Tänzer wirken mit ihren Zurüstungen wie Androiden. Zwischen ferngesteuerten Spielzeugautos und Killerfischen agiert der freie Wille. Je länger der Abend dauert, desto mehr erinnern die Tänzerkrieger an einen Geheimbund mit brutalen Exerzitien.– „Move Berlim“, geleitet von Wagner Carvalho und Björn Dirk Schlüter, hat sich mit seiner zweiten Auflage in Berlin etabliert.

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