Kultur : Schnappschuss mit Methode

„Freischwimmer“: Die Berliner Galerie neugerriemschneider zeigt malerische Fotografien von Wolfgang Tillmans

Nina Zimmer,Matthias Mühling

Zweifellos gehört Wolfgang Tillmans zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Generation. Als erster Fotograf und – noch erstaunlicher – als erster Ausländer gewann er 2000 den renommierten britischen Turner-Preis. Und auch der Markt blieb von seinen Bildarrangements nicht lange unbeeindruckt: Während sich 1996 die Preisspanne für die Fotografien noch zwischen 550 und 4500 Dollar bewegte, lag sie 2000 bereits zwischen 2000 und 16000 Dollar. Inwischen werden für wandfüllende Installationen bis zu 60000 Dollar gezahlt.

Tillmans, 1968 in Remscheid geboren, lebt in London. Als einer der Urheber der „snapshot aesthetics“ entstanden seine Arbeiten in den Neunzigerjahren nach dem Vorbild amateurhafter Schnappschüsse. Zunächst machte er als kommerzieller Fotograf für Zeitschriften wie „i-D“, „The Face“ oder „Interview“ international Karriere. Es sind vor allem die Bilder aus den Club- und Subkultur-Szenen, die ihn zum Chronisten seiner Generation werden ließen.

Dabei bleibt Tillmans keineswegs hinter dem Kameraauge verborgen, sondern wird teilnehmender Augenzeuge, dem das Beobachtete nicht fremd bleibt. Vor allem auf seinen frühen Bildern sind oft Freunde und Bekannte zu sehen. Der gelebte Moment wird in und durch die Fotografie öffentlich gemacht, was immer auch intime Augenblicke einschließt. Die scheinbare Spontaneität des Augenblicks trügt allerdings: Die „Schnappschüsse“ sind in Wirklichkeit sorgsam komponiert, manchmal nachgestellt oder erfunden. Jedes Bild ist bis ins Detail durchdacht und nach abstrakten Prinzipien konstruiert und erscheint doch gleichzeitig wie eine flüchtige Momentaufnahme.

Die dritte Einzelausstellung von Wolfgang Tillmans in der Berliner Galerie neugerriemschneider trägt den Titel „Freischwimmer“. Die Beiläufigkeit dieses Prädikats, ursprünglich nur der Titel einer Arbeit, erweist sich als überraschend treffend für die Schau, sowohl im konkreten als auch im übertragenen Sinn. Das bei Kindern heiß begehrte Sportabzeichen, welches für alle sichtbar an der Badehose den Beweis erbringt, dass man schon 200 Meter schwimmen, ein bisschen tauchen und und vom Sprungbrett hüpfen kann, ist zunächst einmal auf eine Arbeit aus der Serie von abstrakten Fotos zu beziehen (Preise je nach Größe und Auflage zwischen 3400 und 28000 Euro).

Tillmans experimentiert hier mit der direkten Belichtung von Fotopapier – einer Fotografie ohne Negativ in der Tradition der Schadographie oder der Rayographie, der er nur gelegentlich noch chemisch auf die Sprünge hilft. Vor leuchtend-farbigen Gründen sieht man die Spuren schwebend-bewegter Teilchen, die tatsächlich frei zu schwimmen scheinen. Das Faszinierende dieser Bilder ist dieses Schwebende, das man über den Vergleich mit vertrauten Bildern von Bewegungszügen von Fischschwärmen immer wieder zu fassen meint. Einer gegenständlichen Benennung entziehen sie sich jedoch beharrlich.

Folgerichtig verweigert Tillmans detailreiche Erklärungen zum Herstellungsverfahren, da er verhindern möchte, dass der Werkprozess zum viel- und fehlgedeuteten Inhalt wird: „Die Herstellung ist ein ziemlich komplexer Prozess, den ich eigentlich nicht näher erläutern will, weil ich möchte, dass sie sind, was sie sind – und das ist sicher nicht ihre Herstellungsmethode. Wenn man Fotografie ansieht, fragt man immer als Erstes: Wer ist es? Wann und wo wurde es aufgenommen? Wie wurde es gemacht? Eine Fotografie wird immer auf ihren Inhalt reduziert und selten als Werk an sich wahrgenommen.“

„Freischwimmer“ lässt sich auch auf andere Tillmans-Werke beziehen, fand der Begriff doch bereits im Off-Theater und bei verschiedenen Club- und Partylabels Verwendung. Diese Vielfältigkeit möglicher Bezüge zeichnet Tillmans’ Fotografie aus. Sie liefern dem Betrachter ein Identifikationsangebot mit unterschiedlichsten Erzählmustern, dem jedoch keine Künstlerintention eins zu eins entsprechen kann: Die Bedeutungen bleiben im Fluss, können jederzeit ihre Richtung ändern.

Mit dieser positiven Offenheit korrespondiert auf der anderen Seite jedoch eine strenge Systematik der Inszenierung. Die Auswahl der jetzt in Berlin gezeigten Arbeiten demonstriert, wie sich Tillmans mit den traditionellen Gattungen und Themenstellungen der Kunstgesichte auseinander setzt: Der Akt, das Stillleben, die Landschaft, das Porträt, die Abstraktion sind jeweils beispielhaft vertreten. Jedes dieser Fotos verweist auf die ihm eigene Bildtradition: „Freischwimmer“ ist ohne die abstrakten Rauchbilder aus den Fünfzigerjahren von Otto Piene unvorstellbar; „Lutz“, ein frontales Dreiviertelporträt mit stark angeschnittenem Spiegelbild im Hintergrund, vereint eine intensive Porträtstudie mit kompositioneller Raffinesse wie bei Manet; das Gemüsearrangement „Carciofo“ lässt an Cézanne denken. Das überdimensionale Bild des weiblichen Geschlechts schreibt die Geschichte der komplexen Wechselwirkung von Malerei und Fotografie weiter. Das Thema des Akts, welcher ausschließlich auf den kleinen Ausschnitt des weiblichen Geschlechts fokussiert ist, haben schon Gustave Courbet, Auguste Rodin oder Marcel Duchamp variiert.

Ihre Bildentwürfe waren oft durch die Fotografie und nicht mehr durch lebende Modelle inspiriert. Die ersten Lichtbildner interessierten sich sofort für den entblößten und erotisch konnotierten Körper. Diese Fotografien kursierten bei den Künstlern und verdrängten das Modell aus dem Atelier – von wo es postwendend vor der Linse der Kamera wiedererschien. Hier musste der Körper nur noch für den Moment der Belichtung fixiert werden. Das Bild zeigte in allen Details, in „fotografischer“ Genauigkeit seine Beschaffenheit. Tillmans erinnert an den Ursprung der Fotografie, der die Grenzen zwischen Akt und Erotik und zwischen Kunst und Pornografie anders und neu definiert hat.

Während die Bilder ihre Spuren in die Kunstgeschichte legen, lösen sie sich im Kontext der von Tillmans besorgten Bildauswahl und Hängung aus dem engen Korsett ihrer Traditionszusammenhänge. In der Gesamtinszenierung, im Gegenüber der Bilder, entfaltet sich ein subtiler Kommentar auf die Praxis musealer Ausstellungsgestaltung.

Indem er mit ähnlichen Abständen operiert, bezieht Tillmans selbst das vergitterte Fenster des Galerieraums in die Hängung mit ein. Dieses Spiel mit den üblichen Präsentationsgepflogenheiten setzt er fort, indem er unterschiedliche Rahmungen und Formate verwendet – manches direkt an der Wand anbringt, Tintenstrahldrucke neben aufwändige C-Prints setzt, gelegentlich auch mal klebt oder nagelt.

„Geschmäcklerische Scheiße oder wunderschöne Zauberei?“, fragte Tillmans in einem frühen Katalog seine Betrachter. Genauso lapidar kann man ihm heute antworten: eindeutig Letzteres.

Galerie neugerriemschneider, Linienstraße 155, bis 14. August; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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