Kultur : Schnee von gestern

GÜNTHER GRACK

Der reiche Mann, als armer Schlucker verkleidet - wie wird es ihm da gehen? Herr Geheimrat Schlüter, Konzernchef aus Berlin, will für seine "Weltanschaung, Abteilung Mensch" eben diese Erfahrung am eigenen Leibe machen.Als Gewinner eines Preisausschreibens, an dem er sich unter falschem Namen beteiligt hat, winkt ihm ein Gratisaufenthalt in einem Luxushotel in den winterlichen Alpen.Der schlichte Herr Schulze, der da in abgetragener Kleidung anreist - was wird er erleben müssen? Wird man ihn mit derselben beflissenen Höflichkeit empfangen wie die anderen, die besser betuchten Gäste? Wie etwa seinen Diener, der, als Herr ausstaffiert, im selben Hotel Quartier nehmen muß? Oder wie den dritten Mann, der da aus Berlin hereinschneit, auch er, ein arbeitsloser junger Akademiker, Gewinner bei jenem Preisausschreiben?

Es ist eine hübsche Geschichte, was die "Drei Männer im Schnee" erleben: Erich Kästner erzählt sie in seinem gleichnamigen, 1934 erschienenen Roman.Zu Beginn des Buches erörtert er, im Streitgespräch mit einem Kollegen, die Frage, ob der Stoff eher für einen Roman oder für ein Lustspiel tauge.Beide wollen lieber einen Roman daraus machen und entscheiden den Streit, indem sie einen Groschen hochwerfen.Kästner gewinnt ...und das Ergebnis hat ihm recht gegeben.

Es gehört zur deutschen Literaturgeschichte dieses Jahrhunderts wie zur Biographie dieses Autors, dessen 100.Geburtstag am 23.Februar 1999 zu feiern sein wird, daß er sich wenige Jahre nach dem Erscheinen des Romans genötigt sah, auch ein Lustspiel daraus zu machen - eigentlich wider besseres Wissen - und damit Geld.Von der Reichsschrifttumskammer des Dritten Reiches mit Publikationsverbot belegt, dramatisierte Kästner den Stoff unter dem Pseudonym Robert Neuner: "Das lebenslängliche Kind" wurde an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.1945, nach Kriegsende, in Berlin nachgespielt, 1955 von Kurt Hoffmanns Film (mit Paul Dahlke, Claus Biederstaedt, Günther Lüders) sozusagen überstrahlt, ist das Stück mittlerweile in Vergessenheit geraten.Hat es noch eine Überlebenschance?

Die überaus freundliche Aufnahme, die "Das lebenslängliche Kind" jetzt in der Komödie am Kurfürstendamm gefunden hat, scheint diese Frage zu bejahen.Das Premierenpublikum feierte - im alten West-Berlin! - Stars aus dem alten Ost-Berlin wie Herbert Köfer in der Hauptrolle, Marianne Kiefer und Dorit Gäbler in kleineren Rollen nach dem "Super-Illu"-Motto "Freunde, ich bin wieder da".Eine Demonstration der Solidarität, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß diese "Drei Männer im Schnee"-Fassung ein recht grobgestrickter Kästner ist.Vom Witz des Erzählers keine Spur, man sieht ein Lustspiel, das sonderbar altmodisch wirkt mit Figuren wie einem Geheimrat und seinem Diener (Jürgen Mai); allenfalls die Arbeitslosigkeit des jungen Dr.Georg Scheinpflug deutet auf die frühen dreißiger Jahre hin.Fällt dann ein Gruß wie "Ski Heil!", zuckt man zusammen - eine Anspielung auf die Hitlerei? Ach was, Stück und Inszenierung (Rolf von Sydow) wären mit solchen Feinheiten gewiß überinterpretiert.Was hier über die Bühne geht, ein Hotelfoyer ohne jede alpinesk-lokale Bezüglichkeit (Thomas Pekny), ist eine Klamotte, deren Klamotten (Gerhard Kropp) wiederum nicht gar so zerschlissen und abgewetzt erscheinen, wie sie sich der Autor für den Herrn Geheimrat und den Herrn Doktor vorgestellt hat.

Herbert Köfer, eine Säule des Adlershofer Fernsehfunks über vier Jahrzehnte hinweg, ist ein sympathisch gutmütiger Kapitalist - entsprechend dem Wesen dieses Herrn, der von der Versuchung, dem fiesen Hotelportier (Achim Hübner) in den Hintern zu treten, in letzter Sekunde Abstand nimmt.Denn natürlich muß Herr Schulze alias Schlüter die Erfahrung machen, daß ein Habenichts von dem geringsten Habemehr verachtet wird.Hans-Jürgen Schatz, als Doktor Scheinpflug der andere Habenichts, ein gewinnend bescheidener Mensch, zeigt sich dagegen überrascht darüber, mit welcher Aufmerksamkeit ihn die Hotellerie verwöhnt.Wir Zuschauer freilich kennen den Grund: Geheimrats Töchterlein (patent: Alexandra Wilcke) hat ihre Hand im Spiel, ist jedoch mißverstanden worden; ihr Geheimnisverrat aus Sorge um Väterchen kommt dem Doktor zugute - und künftigen Ehemann.Denn dieses brave Muttersöhnchen hat sich den Avancen der demimondänen Weiblichkeit gegenüber strikt, geradezu penetrant etepetete verweigert.So geht alles, wie nicht anders zu erwarten, gut, besser gesagt: nett aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar