Kultur : Schön ist es, aus der Welt zu sein

Christian Schröder

Über der Bühne baumelt gigantisch groß ihre Unterschrift. Von der Rückwand strahlt ihr Star-Antlitz, mit den berühmten Hohlwangen und den tief verschatteten Augenhöhlen. Vorne, fast schon an der Rampe, flimmern auf einem Gaze-Vorhang die Stationen ihres Lebens vorüber. Berlin, Hollywood, Paris. Hinter diesem Schleier einer aus braunstichigen Schwarzweißfotos bestehenden Vergangenheit, eingekeilt in eine Bühnenapparatur, die an diesem Abend bloß ein Hightech-Devotionalienschrein sein möchte, hockt das 28-köpfige Orchester. Es spielt, na was wohl, "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". So, mit der von säuselnden Streichern und abgedämpften Bläsern dargebotenen Version eines zu Tode gecoverten Songs, beginnt "Marlene hundert", die Dietrich-Geburtstagsgala im Berliner Friedrichstadtpalast. Gefeiert wird: die Diva als Denkmal.

Jahrzehntelang schlingerte die Haltung der Berliner zu der Schauspielerin zwischen Verehrung und Verachtung, jetzt, wo sie tot ist, wird sie umso heftiger an die Brust gedrückt. An ihrem Geburtstag ließ der Regierende Bürgermeister Wowereit Blumen an ihrem Schöneberger Grab niederlegen und um Entschuldigung für die "beschämenden Anschuldigungen" bitten. Bei der Gala ist es sein Stellvertreter Böger, der die Dietrich in salbungsvollen Worten als "Weltstar und Weltbürgerin" würdigt. Die Bedeutungsschwere eines Staatsaktes liegt über dem 1800-Plätze-Saal, daran hat der Abend zu tragen. Das Konzept zielt auf Überwältigung, nur die Showtreppe fehlt. Im "Blauen Engel" wackelten 1930 noch sechs Revue-Girls hinter der Dietrich durch die Kulissen. Im Friedrichstadtpalast sind es 44 Balletteusen, die - bisweilen um 22 Tänzer verstärkt - ihre Beine zeigen. Und was für Beine! Sie bewältigen einen Can Can im preußischen Stechschritt, schwingen sich über Kaschemmen-Stühle, formieren sich in einer beeindruckenden Chorus Line zum Hundertfüßler. Saloon-Erotik à la "Destry Rides Again", die Nummer in Frack und Zylinder: alles da.

Die Ehrfurcht verbietet es, dass die auftretenden Sängerinnen und Sänger das tote Idol direkt imitieren. Stattdessen: freie Adaptionen und persönliche Liebeserklärungen. Joy Fleming röhrt, wispert, scattet "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" und "Lili Marleen", gießt ihren Blues in die Hollaender-Couplets. Katja Riemann gibt "Wenn ich mir was wünschen dürfte" als Cool-Jazz-Ballade und singt der Dietrich ein selbst geschriebenes Kinder-Gutenachtlied. Begründung: "Uns verbindet, dass wir Schauspielerinnen und Mütter sind." Meret Becker kiekst mit Kleinmädchenstimme "Paff, der Zauberdrachen", hebt dabei einen Plüschdrachen ans Mikrofon und sägt auf ihrer singenden Säge. Hudson Shad, fünf vorsätzlich komische Herren in Gehröcken, vergackeiern "The Boys in the Backroom" und "Mein blondes Baby" in Comedian-Harmonists-Manier. Und die Tenöre Marshall & Alexander zerknödeln engelbertesk "Where Have All the Flowers Gone". Über weite Teile der Gala lässt sich sagen, was Alfred Kerr 1933 über den Dietrich-Film "Song of Songs" schrieb: "Manches ist fast ertragbar."

Dann aber: Ute Lemper. Sie stürmt auf Katzenfüßen auf die Bühne, trägt ein hautenges Samtkleid in Sündrot, schleift ihre Boa hinter sich her. Am Mikrofonständer angekommen, wechselt sie vom Standbein aufs Spielbein, kauert sich zusammen. So kauert sie sich auch in die Lieder hinein. Sie singt "Man lebt in einer großen Stadt / Und ist doch so allein", und es klingt, als ob jedes Wort gerade eben erst und nur für sie geschrieben worden wäre. Dann wieder lehnt sie sich an den Flügel, um sekundenkurz auszuruhen. Die Lemper ist an diesem Abend mehr als bloß eine Dietrich-Interpretin: eine Diseuse. Ein Triumph. Am Ende wieder schweres Pathos. Alle Akteure bauen sich zum Schlussbild auf, säuseln "Frag nicht, warum ich gehe". Marlene verbeugt sich als Projektion im Schwanenfedermantel. Schaukelnd senkt sich der Schriftzug ihres Namens hinab. Standing Ovations.

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