Kultur : Schön, wenn der Chef mal vorbeischaut

Riccardo Chailly dirigiert Puccinis „Manon Lescaut“ in Leipzig

Jörg Königsdorf

Seinen Job an der Leipziger Oper übte Riccardo Chailly bislang vor allem hinter den Kulissen aus. Seit der Italiener vor zwei Jahren als Generalmusikdirektor inthronisiert wurde, dirigierte er am Haus zwar erst eine einzige Premiere, nämlich Guiseppe Verdis „Maskenball“, sorgte aber schon für die Entlassung des Intendanten Henri Maier. Zwar wird dessen noch ausstehende Abfindung wohl demnächst endlich vom Stadtrat abgenickt und mit der Verpflichtung von Peter Konwitschny als neuem Chefregisseur lieferte das Haus jüngst immerhin eine künstlerische Bemühungszusage. Doch eigentlich hatten sich die Leipziger das wohl anders erträumt.

Schließlich ist Riccardo Chailly eigentlich einer der besten Operndirigenten der Welt, mit dem das Haus sogar international Eindruck schinden könnte. Doch dafür sind die acht Aufführungen einer Neuproduktion von Bizets „Carmen“, die der Pultstar in der kommenden Spielzeit 2008/09 – neben seinen Konzertprogrammen im Gewandhaus – im Opernhaus leiten wird, einfach zu wenig. Auch Chaillys zweite Leipziger Musiktheaterproduktion, Puccinis „Manon Lescaut“, zeigt vor allem, was für ein Potenzial im Orchestergraben liegt; bei einer regelmäßigeren Anwesenheit Chaillys könnte es zum Tragen kommen. Der trennscharfe und zugleich dunkel-expressive Klang des Gewandhausorchesters ist schlichtweg ideal, um die Traditionsbezüge, aber auch die Modernität von Puccinis Klangsprache hörbar zu machen. Klingen die erhitzten Windungen des großen Duetts zwischen Manon und ihrem Des Grieux im zweiten Akt, als würden Tristan und Isolde am Strand von Rimini übereinander herfallen, sind die tumultösen Klangmassierungen schon der Widerhall einer pulsierenden Metropole.

Das ist Puccini aus dem Geist eines Gustav Mahler, grell tönender Fortschritt und Sehnsucht nach verlorenen Paradiesen. Dem berühmten Intermezzo, das Puccini vor das Le-Havre-Bild mit der Deportation Manons geschaltet hat, verleiht Chailly die gleiche Entrücktheit wie jenen lichten, ins Leere ausrollenden Stellen in Mahlers Ländlern.

Die vieraktige Oper mutiert so zu einer viersätzigen Sinfonie, deren unerbittlicher Schicksalsstrom alle Figuren untergehen lässt, die sich gegen ihn stemmen – Manon Lescaut (Sondra Radvanovsky mit angeschmirgelter Puccini-Röhre) ebenso wie ihr Geliebter Des Grieux, den der lettische Tenornewcomer Aleksandrs Antonenko als naturburschenhaften Strahlemann gibt. Eine Sichtweise, aus der Puccinis Partitur selbst in der hier erstmals präsentierten, noch lautstärkeren Turiner Urfassung aus dem Jahr 1893 mit einem Mal nicht mehr heillos überinstrumentiert, sondern durchaus konsequent wirkt.

Eine tiefere Sinnschicht des Stücks, die man in Leipzig zwar zu hören, nicht aber zu sehen bekommt. Denn leider scheint den Chefdirigenten die szenische Umsetzung seiner Ideen nicht besonders zu kümmern. Für die Regie war mit Giancarlo Del Monaco ein altgedienter Routinier verpflichtet worden, von dem niemand etwas anderes als zweckdienliche Sängerposen in bravem Stadttheaterdekor erwarten konnte. Und im Finale großes Sterben im kurzen Mieder vor sandfarbenem Rundhorizont. Die Musik hätte Besseres verdient. Jörg Königsdorf

Wieder am 14. und 16., 18. und 20. sowie am 24. und 28. Mai.

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