SCHÖNE Grüße (4) : Ein Königreich für ein Diadem

CHRISTIANE PEITZ
CHRISTIANE PEITZ

Ab in die Ferien! In diesen Wochen frönen viele Menschen einer selten gewordenen analogen Tätigkeit: Sie schreiben Postkarten. Anlass für eine kleine Sommerserie.

Nicht einen Dinar wollte der Mann im Souvenirladen für die Postkarte mit dem King und der Queen. Die sei geschenkt, und eine Ehre sei es ihm auch! Er verneigte sich fröhlich, ohne dass ersichtlich wurde, ob die Verbeugung nun der Touristin aus Deutschland galt oder König Abdullah II. und Königin Rania. Der Laden lag gleich um die Ecke der Georgskirche in Madaba, der Stadt der Mosaiken am King’s Highway. Auf dem Weg von Amman zum Weltwunderort Petra hatten wir in der Kirche gerade die Karte von Madaba bestaunt, jenes große Fußbodenmosaik aus dem 6. Jahrhundert, auf dem sie alle noch friedlich vereint sind, die sich heute im Heiligen Land bekriegen. Der Nahe Osten, ein Paradies ohne Mauern und ohne Hass, eine offene Welt bis hinunter zum Nildelta, auf beiden Seiten des Jordans. Und Jerusalem eine ungeteilte Stadt.

Es lebe unser König, sagte der Souvenirverkäufer. Es war im Oktober 2010, zwei Monate später begann der arabische Aufbruch. Anders als manche ihrer Nachbarn haben die Jordanier ihre Polit-Dynastie bislang nicht vertrieben; keiner will Abdullah vom Thron stürzen. Aber Druck von der Straße gibt es schon, sogar einen Anschlag, bei dem aber niemand verletzt wurde. Im Juni haben die Oppositionellen dem König Reformen und das Versprechen auf mehr Demokratie abgerungen; auch über Korruption und verkrustete Machtstrukturen wird offener geredet. Wobei sich unter den Demonstranten auch die Muslimbrüder tummeln.

Im Herbst hatte das alles noch anders geklungen, nach funktionierender konstitutioneller Monarchie und gütigem König. Der in Washington und Oxford ausgebildete Abdullah entließ sein Kabinett auch schon mal, wenn es ihm zu konservativ erschien. Vor allem bei der Frauenfrage gab es Streit. Und die kluge, schöne Königin – hochgebildete Akademikerin palästinensischer Herkunft, Mutter von vier Kindern – warb bei den Frauen des Landes für Bildung, Mode, Emanzipation. Während selbst in der Hauptstadt Amman keine unverschleierten Frauen auf der Straße zu sehen waren (und sich im Pool am Toten Meer Schwimmerinnen mit Burka-Badeanzügen tummelten), lächelte Rania, die mächtigste Frau Jordaniens, einem auf allen Plakaten mit unverstelltem Blick und offenem Haar entgegen. Kein schlechtes Ich-Ideal, so eine Königin.

Also adressierte ich die Karte an meine Kollegen in der Kulturredaktion. Zwar trage ich kein Diadem, und der Ressortleiterkollege mag auch keine goldenen Tressen. Aber falls es mit der als Basisdemokratie getarnten Diktatur im Büro eines Tages nicht mehr klappen sollte, so schrieb ich aus dem Königreich, könnten wir es ja mit der Monarchie versuchen. Jetzt, neun Monate später, proben sie in Jordanien die Rebellion ohne Umsturz. Vielleicht ist das ja auch mal was fürs Büro.

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