• „Schönen Gruß aus dem Felde“: Jüdische Soldaten schreiben ihrem Waisenhausdirektor nach Berlin

Kultur : „Schönen Gruß aus dem Felde“: Jüdische Soldaten schreiben ihrem Waisenhausdirektor nach Berlin

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Schmuck und etwas bräsig sieht er aus auf dem ersten Foto Anno 1915, mit Uniform und Orden, der Telefonist Benno Jastrow. 18 Briefe, zwei selbst gemalte Karten (eine davon oben links) und zwei Bildpostkarten hat er in vier Kriegsjahren an den Direktor des Waisenhauses der Berliner Jüdischen Gemeinde geschickt. „Es ist aber doch nicht so schön wie in Rußland nicht so aufregend. Es ist dies mein 2ter Jom Kippur im Schützengraben, man lernt aber jetzt beten, was bisher bei mir im Civilleben weniger der Fall war. Das Essen geht hier. Das Beste was es in den Bergen giebt ist Rotwein“, schreibt er 1915. „Es kamen jetzt täglich 12 – 13 Züge schwer Verwundeter von der Somme herunter, alles Kopfschüsse,“ bemerkt er 1916. „Bin sehr abgefallen auf dem Bilde. Hoffentlich ist dieser Schwindel bald zu Ende“, kommentiert er das Foto von 1917 (rechts), und fragt 1918: „Hat der Streick schon nachgelassen?“ 754 Briefe erhielt Waisenhausdirektor Sigmund Feist während des I. Weltkriegs von ehemaligen Zöglingen; 12000 jüdische Soldaten sind von 1914 bis 18 gefallen, fünf davon waren unter den Briefschreibern. Für das Berliner Centrum Judaicum und das Militärgeschichtliche Forschungsamt Potsdam haben Sabine Hank und Hermann Simon die Korrespondenzen des Pädagogen mit seinen Ziehsöhnen herausgegeben: zwei anrührende Lesebücher aus einer etwas anderen Kommunikationsepoche, ohne Mail und SMS („Feldpostbriefe jüdischer Soldaten 1914 -1918. Briefe ehemaliger Zöglinge an Sigmund Feist, Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses in Berlin“. 2 Bde., Hentrich&Hentrich, Berlin 2002, 744 S., 48,60 €). Die Landser notieren Erinnerungen, Zukunftssorgen, Geldnöte und Etappenpläsier, aus Zensurgründen selten Militärisches, aber Selbstgereimtes, Siegeszweifel und immer wieder, formelhaft inbrünstig, ihren Dank an den väterlichen Adressaten. Und sie warten auf Antwort. Fotos und Ansichtskarten zeigen Touristisches in Ost und West, Zerstörungen, Kameradenalltag zu Fuß und zu Pferde und manchmal (wie die Karte aus Verdun, oben) den Abgrund der Vernichtung. Eine Dokumentation über Erziehung und Beziehungen, über Verwerfungen des 20. Jahrhunderts und Integrations-Bruchstellen der „deutsch-jüdischen Symbiose“: Jede Korrespondenz wird anfangs, soweit Daten zu ermitteln waren, durch eine Kurzvita ergänzt. Dennoch ist es packender, jeweils rückwärts zu lesen, von der Fronterfahrung ins Biographische, das oft ins Exil führte oder in die Deportation. Direktor Feist starb 1943 in Kopenhagen, Benno Jastrow 1954 in Berlin-Mitte: ein Zettelkasten deutscher Lebensläufe also, eine Geschichte vom unsichtbaren Krieg, vom Reisen, von der Reise in Nichts. tl

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