"Schoßgebete" : Die Trauma-Queen Charlotte Roche

Brutale Momentaufnahmen aus der Therapiegesellschaft gibt es in Charlotte Roches zweitem Roman „Schoßgebete“.

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Die Autorin Charlotte Roche ist 33. Normalerweise zeigen Fotos sind von ihrer wilden Seite.
Die Autorin Charlotte Roche ist 33. Normalerweise zeigen Fotos sind von ihrer wilden Seite.Foto: Jochen Schmitz

Der moderne Stadtbewohner, so würde er selbst am liebsten glauben, ist ein gepflegtes Kulturwesen. Nur widerwillig lässt er noch die Natursau raus, dann freilich mit Bio-Siegel, und kehrt sofort wieder in seinen triebsublimierten Alltag zurück. Er kennt vielfältige Neurosen, aber weder seelische Tragödien noch Katastrophen, und er kann es gar nicht fassen, wenn in seiner Umgebung mal wirklich einer austickt.

Charlotte Roche hatte da immer ihre Zweifel. Schon mit ihrem ersten Roman „Feuchtgebiete“ schrieb sie vor drei Jahren gegen eine hoffnungslos desodorierte Gegenwart an und erfand in Gestalt der 18-Jährigen Helen, die mit einer Analfissur im Krankenhaus liegt, eine Figur, deren Neigung zur Selbstverletzung ein Schrei nach Liebe war, den weit über eine Million Deutsche hören wollten. Der Erfolg lag wohl nicht nur in der sexuellen Drastik, das Buch bediente trotz seiner literarischen Ödnis offenbar ein Bedürfnis.

Ihr zweiter Roman „Schoßgebete“, der am morgigen Mittwoch erscheint, ist um Klassen vielschichtiger, bewegender und in der existenziellen Grundierung radikaler. Ein schwarzhumoriges, oft zum Schreien komisches Vergnügen, und eine todesfinstere Zumutung. Eine Momentaufnahme aus der übersexualisierten Therapiegesellschaft und ein böser Blick in die neue Patchwork-Zone und ihre alten Kleinfamilienrituale. Die 33-jährige Ich-Erzählerin Elizabeth Kiehl ist nicht nur eine neurotische Henne, sie ist eine schwerbeschädigte Trauma-Queen - nachdem es sich um einen erklärtermaßen autobiografischen Stoff handelt, wohl nicht ganz anders als Charlotte Roche. Elizabeths Bekenntnis, sie wolle „mit Sexgedanken verdrängen“, was ihr auf der Seele liegt, trifft mit Sicherheit auch auf die Autorin Roche zu.

Zu gern wäre diese Elizabeth die perfekte, alle Rollen zwischen Hausfrau, Mutter und Hure ausfüllende Frau. In ihrer Überforderung besitzt sie sowohl depressive als auch aggressive Züge und mutmaßt bei sich nicht zu Unrecht Borderline-Eigenschaften. Sie bemüht sich, ihrem Gatten eine liebende Liebesdienerin zu sein und träumt zugleich davon, einmal so richtig fremd zu gehen - auch um der 18:0-Bilanz ihres Mannes auf diesem Gebiet etwas entgegenzusetzen. Sie ist ein anal fixiertes Geruchssensibelchen mit Vaterkomplex, der dazu führt, dass sie ihren Georg am liebsten so einkleidet, dass er ein klein wenig älter aussieht, als er ist. Und sie ist eine mit dem Cover von Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ tätowierte „Umweltnonne“ mit Brustkomplex – wobei eine operative Vergrößerung nicht in Frage kommt, weil Silikonaufpolsterung und Christentum den gleichen Nachteil haben: Sie sind „the easy way out“.

Als Tochter einer flatterhaften „Verlasserin“ klammert sie sich geradezu an die Beständigkeit ihrer Ehe, erzieht Töchterchen Liza nach allen Gesetzen fortschrittlicher Ratgeberkunst und setzt dafür ihrem verhassten Stiefsohn Max regelmäßig so zu, dass er panikartig vor ihr flieht. „Ich versuche“, bekennt sie, „meine dreckige Psyche zu reinigen, für unsere gesunde Zukunft, als Familie, als Liebespaar.“ Dreimal pro Woche spricht sie deshalb bei ihrer Psychoanalytikerin Frau Drescher vor und klagt ihr Leid: „Wir wollten ja eigentlich heute in den Puff, Georg und ich.“ Er nämlich schleppt sie regelmäßig zu einem flotten Dreier ins Bordell mit. Es ist seine Art, die eheliche Lust zu steigern. „Ich habe aber gestern Abend festgestellt, dass sowohl ich als auch Liza Würmer haben. Liza ist nicht in der Schule, dann dachte ich, ich muss den Puff absagen. Und Georg war wieder mal so enttäuscht, Sie wissen ja, wie oft ich aus Feigheit, oder besser vor Aufregung einen Rückzieher gemacht habe.“

Wir befinden uns zweifellos in Roche-Country. Gleich die Eingangsszene lebt nicht nur von einer schier unendlichen Fellatio- und Cunnilingus-Szene, sondern von allen damit verbundenen technischen Widrigkeiten. Heizdecken werden angeschaltet und nach 15 Seiten wieder ausgeschaltet, damit niemand zu Schaden kommt. „Geo kompakt Nr. 20“ mit seinen Weisheiten zu „Liebe und Sex“ kommt ins Spiel, und Elizabeth behilft sich, um danach halbwegs sauber ins Bad zu kommen, mit einem zwischen die Beine geklemmten Stofftier der Tochter, einem braunen Orang-Utan, der dann in den Rattanwäschekorb wandert: „Wir sind sehr für alte, dunkelbraune Sachen, in Vorbereitung auf unseren Tod.“

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