Kultur : Schreckenswochen

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel warnt vor

leichtfertigem Seriengucken

Hinterher ist man immer schlauer: Du hättest die zweite Flasche Wein nicht aufmachen sollen! Oder: Wie konnte es dir, einem prominenten Träger des Großen Latinums, passieren, einer TVSerie unbegrenzte Macht über dein Leben einzuräumen? Hattest du nach der ersten Staffel von „Big Brother“ nicht öffentlich kundgetan: Nie wieder!

Dabei fing alles so harmlos an: Die Vorberichte in den Zeitungen hatten interessant geklungen, eine eigentlich zuverlässige amerikanische Freundin, der immerhin der erste Hinweis auf die „Sopranos“ zu danken war, hatte groß Buhei um die Serie gemacht, und schließlich, dachte ich träumerisch, wäre es doch auch sehr nett, fürs Fernsehzimmer mal etwas Volkstümliches anzugucken und sich nicht immer nur so subtiles, ausgedachtes Zeug aus den Fingern zu saugen...

„Es tut mir leid, es tut mir soo leid!“ „Waas? Das glaube ich nicht!“ „Ich liebe dich“ - „Ich liebe dich auch.“ In welcher TV-Serie kommen diese Sätze bis zu dreimal pro Folge vor? Den ersten Satz sagt Jack Bauer, den zweiten Nina Myers beziehungsweise ihr Kollege mit dem entzückenden Unterlippensparbart, den dritten jaulen Mutters und Töchting und Vatters Bauer einander ins Ohr. Wer immer noch nicht weiß, dass es sich um „24“ handelt, der darf jetzt mit meiner offiziellen Erlaubnis dieses Fernsehzimmer verlassen – ich hoffe, wir sehen uns in drei Wochen in alter Frische wieder.

Um so herzlicher begrüße ich die Schar der Übriggebliebenen. Ich werde Ihnen nunmehr erläutern, warum die Serie Schrott ist. Von denjenigen, die anderer Ansicht sind, erwarte ich, dass sie mir konzentriert zuhören und dann auch die Größe zeigen, ihren Irrtum einzugestehen. Wenn Ihnen gute Argumente und ein erlesener Geschmack freilich von vornherein suspekt („schnuppe“) sind und Sie sowieso lieber auf Ihrer „eigenen Meinung“ beharren, haben Sie jetzt die Gelegenheit, die Lektüre abzubrechen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Richtig übel fand ich „24“ nicht, spannend war das schon, und ich habe ja auch bis zum Ende durchgehalten. Aber es ist doch ein Beleg dafür, dass man bei dem Entschluss, sich eine Serie anzugucken, ungefähr so vorsichtig sein muss wie bei der Eheschließung: Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Will sagen: Ungefähr zur Halbzeit wurde mir sehr blümerant, kam mir das Getue und Getobe und Getelefoniere immer alberner vor, fiel ich trotz des Tempos der Handlung immer öfter ins Grübeln über die dramaturgischen Löcher, den offenkundigen Unsinn des Geschehens: Was für ein ausgedachter Quatsch!

Nun ist das meiste, was wir in solchen Krimis sehen, ausgedachter Quatsch, aber hier war es doch ärgerlicher als sonst: erstens wegen des Hypes der Vorankündigungen, die über das „Echtzeit“-Gerede bedeutend mit dem Kopf gewackelt hatten; zweitens weil durch diese Zeit-Simulation die Absurditäten der Story von Folge zu Folge weitergetragen und potenziert wurden.

Parenthese: Im Kino funktioniert das besser – erst wenn man herauskommt, bemerkt man, dass das alles nicht stimmen kann, aber dann ist man nicht nur sauer darüber, wie man verladen wurde, sondern freut sich sogar ein bisschen, wenn man seinem Kumpan beim Bier zeigt, was für ein schlaues Kerlchen man ist, dem man nichts vormachen kann, jedenfalls im nachhinein.

Aber hier, bei der Serie, hast du zwei, drei Tage Zeit, dich verarscht zu fühlen. Und dann fällt dir eben auf, dass immer dieselben Dumpfsätze gesprochen werden, dass Tochter Kimberley eine babyspeckige Schmollschnatze ist, unbelehrbar und doof, dass Mutter Teri in ihrer verheulten Zickigkeit gut ins Maggi-Kochstudio passen würde. Es fällt auf, dass der stattliche Senator Palmer einen Sohn von so abgrundtiefer Hässlichkeit und postpubertärer Blödheit hat, als sei er vom KuKluxKlan gecastet. Und das zieht sich, 12 statt 24 Folgen wären noch zu lang. Und der sowieso unerträgliche Dennis Hopper als serbischer Teufel – fast möchte man bei Peter „andersgelber Serbenfreund“ Handke Abbitte leisten, aber das geht dann doch zu weit.

Ergo: Eine schludrige Story und Dramaturgie wie bei „24“, rasant in Szene gesetzt, kann ein normales Publikum für eine Spielfilmlänge düpieren und fesseln; aber selbst das höchste Tempo nützt nichts, wenn du zwischendurch Zeit hast, nachzudenken, denn dann kommt große Unlust auf, du fühlst dich für dumm verkauft. Und deswegen bleibt es dabei, dass nur eine Serie von der überirdischen Qualität der „Sopranos“ Bestand hat, wo jede Folge für sich steht und das Fortschreiten der Handlung nicht immer größere Albernheiten und Unwahrscheinlichkeiten hervorbringt. „24“ und „Sopranos“: Das ist der Unterschied zwischen Agatha Christie und Raymond Chandler. Und wer sich jetzt die zweite Staffel anguckt, tut das auf eigene Verantwortung

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