SCHREIB Waren : Weiße Wolken, roter Baron

Steffen Richter über Wahrheit und Mythos eines Menschheitstraums

Steffen Richter

Kinder, wie die Zeit vergeht. Ein paar Jahrhunderte träumt die Menschheit vom Fliegen. Endlich, 1903, zeigen die Brüder Wright den ersten Motorflug. Gut zehn Jahre später ist das Flugzeug bereits entscheidendes Kriegsgerät, und Maxim Gorki staunt, dass „der Mensch, nachdem er über die Erde zu fliegen gelernt hat, sogleich aufhörte, sich darüber zu wundern“. Was bleibt, sind Mythen von Flugpionieren – vom Atlantiküberquerer Lindbergh, vom schreibenden Nachtflieger Saint-Exupéry oder auch vom „Roten Baron“ Manfred von Richthofen.

Richthofen ist ein Held: Im Ersten Weltkrieg schießt er 80 Feindmaschinen ab und führt mit seinem rot lackierten Fokker-Dreidecker den „Fliegenden Zirkus“ an, wie die Engländer seine Jagdstaffel nennen. Ein edler Krieger, dem Ritterlichkeit und Fairplay über alles gehen, und der 1918, mit nicht einmal 26 Jahren, den Heldentod stirbt. Soweit die Legende. Nun aber hat der Historiker Joachim Castan in „Der Rote Baron“ (Klett-Cotta) den Kasus genauer untersucht. Und siehe da, der ach so ritterliche Teufelskerl scheint eher ein bedauernswerter Absolvent einer preußischen Kadettenanstalt gewesen zu sein. Bei Castan spricht der Held Klartext: Die Jagd auf Wild in Kindheitstagen setzt sich fort als „Menschenjagd“, nicht das Fliegen sei ihm wichtig, sondern der Luftkampf, Lufthoheit aber gibt es nur „durch den Abschuss“. Darüber lässt sich streiten. Am besten am 22.10. (20 Uhr 30) in Britta Gansebohms Literarischem Salon (BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuzberg).

Genauso erstaunlich wie die Gewöhnung ans Fliegen vor 100 Jahren ist heute die ans Internet. Wie Avatar-Identitäten das reale Leben und die Phantasie verändern, wird am 21.10. (12 Uhr) in der Reihe Streitraum der Schaubühne am Lehniner Platz debattiert (Kurfürstendamm 153, Charlottenburg). Über Second Life oder das richtige Leben im falschen unterhält sich Moderatorin Carolin Emcke mit der Medienpsychologin Sabine Trepte, der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel und der Schriftstellerin Antje Rávic Strubel – die von Berufs wegen Produzentin von Parallelwelten ist.

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