Kultur : Schreiben: Erzähl du mir

Antonio Skármeta

Ich weiß, dass ich nicht Schriftsteller werden konnte, ohne Kind gewesen zu sein. Aber ich frage mich, ob ich der Schriftsteller sein kann, der ich bin, ohne das Kind gewesen zu sein, das ich war. Vor mir sehe ich zwei Dinge. Ein Foto von Elena, meiner dalmatinischen Großmutter, und meinen Roman "Die Hochzeit des Dichters". Was vereinte sie auf der Konsole über meinem Schreibtisch, wenn nicht die Unabdingbarkeit, dass sie sich wiedererkennen?

Immer in der Mittagszeit klebte meine Großmutter mit dem linken Ohr am Lautsprecher des Philco-Radios und verschlang mit Hingabe die Worte eines Hörspiels mit mehreren Folgen, das der Dorfsender übertrug, während ihre flinken Finger Westen und Schals für den Winter strickten, der aber niemals in das heiße und wüstenähnliche Antofagasta im Norden Chiles gelangte. Die Großmutter genoss die Geschichten und litt die Schicksale der Helden und Bösen mit, die genau mit einem Höhepunkt endeten, der einen erregenden Hunger auf das nächste Kapitel machte.

Aber das elektronische System dieser ausgedörrten Provinz war dürftig, und an manchen Nachmittagen gab es keinen Strom. In der Totenstille fanden die Verrate und Höhepunkte des Dramas statt, ohne ihre treue Mithörerschaft. "Was geschieht wohl?", murmelte sie, während sie ab und zu auf das grüne Auge des Rundfunkempfängers schaute, in der Hoffnung, dass das Licht angehe. "Vielleicht", fabulierte ich, "beginnt der junge Mann, der die arme und blinde Susanne liebt, Medizin zu studieren, und er operiert sie so erfolgreich, dass sie ihr Augenlicht wiederbekommt." "Wie lange dauert das Medizinstudium, Toño?" "Sieben Jahre, Nona". "Das ist zu lang. Das Stück wird vorher enden." Also musste ich mir Alternativen ausdenken.

Durch das Erzählen während der Stromsperren gewöhnte ich mich daran, die Fantasie regelmäßig zu nutzen. Bis die Nona an einem Samstag, an dem es Licht im ganzen Haus gab, in jedem Viertel der Stadt, das Radio abstellte und zu mir sagte: "Erzähl du mir". Ich schätze diesen Moment. Denn er war der Beginn meiner Karriere als professioneller Schriftsteller.

Aber die Großmutter war nicht nur im Zuhören von schwülstigen Hörspielen bewandert, sondern sie wusste meine Kindheit mit etwas anderem zu bereichern: Der Art, ihr eigenes Leben zu erzählen und es gleichzeitig zu verschweigen. Mein Roman "Die Hochzeit des Dichters" endet, als ein dalmatinischer Emigrant 1913 nach Chile kommt und im Hafen von Antofagasta auf die Knie fällt. Diese Figur heißt Esteban, und ich kannte ihn während meiner kurzen Zeit als Kind. Estaban war ein geheimnisvoller Mensch. Immer Nachmittags fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Strand und sah ihn - makellos angezogen im schwarzen Anzug, mit breiter Krawatte und Stetson-Hut - ziellos im Sand herumgehen. Er hatte sehr große Augen mit einem Blau, das ich niemals mehr gesehen habe, weder in der Natur noch in der Kunst.

Dieser Mann sprach nur selten mit den anderen Immigranten. Er war von einem majestätischen Schweigen umgeben. "Warum ist er so?", fragte ich die Nona. Sie lehrte mich, was besondere Gesten bedeuten: Die Pause und das Einatmen bevor sie doch nichts sagt, den Blick auf die Wohnzimmertür gerichtet, um zu prüfen, dass niemand hereinkommt, das bedeutsame und spannungsgeladene Schweigen: "Dieser Mann wartet auf jemanden." "Auf wen, Nona?" Die Finger, die die Stricknadeln mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers bewegen, der Blick, der zwischen der Tür und meinen wachsamen Augen schwankt, die Faust, die über ihre Nase streift und der meisterhafte Satz: "Auf zu Vieles." Fünfzig Jahre trug ich das Bild dieses Mannes und diesen vielsagenden, gleichwohl ausweichenden Satz meiner Großmutter mit mir herum. Warum "Auf zu Vieles"?. Womit verdiente ich die Ehre dieser außergewöhnlichen Verschwiegenheit von allen Seiten? Warum sprachen die anderen Immigranten, von mir wissbegierig zu diesem Thema angesprochen, von einer märchenhaften Hochzeit, die auf ihrer Insel im Adriatischen Meer stattgefunden hatte, und warum sagten andere, das es diese Hochzeit nie gegeben habe? Und warum sollte ich Esteban selbst fragen, wenn ich es wissen wollte? Aber wie sollte sich so ein kleines Kind trauen, einen Mann etwas zu fragen, der das absolute Schweigen war?

Fünfzig Jahre später war "Die Hochzeit des Dichters" meine Art, ihm die Frage zu stellen, als sein Schweigen bereits durch den Tod vollendet war. Willa Cather versichert, dass das meiste grundlegende Material, mit dem ein Schriftsteller arbeitet, vor dem fünfzigsten Lebensjahr erworben wird. Es ist ein unwiderstehliches Lob auf die Kindheit, die nach meiner Ansicht mit einer würdevollen Anwendung der Kunst des Schreibens vervollständigt werden sollte. Ich stimme darin überein, dass man die Gesamtheit der Gefühle nicht in der Reife wiederfinden kann, und ich würde noch hinzufügen, dass die Erinnerung an diese Wahrnehmung der Kindheit jeden Schriftsteller ermuntert, sie wieder aufzusuchen. Wieviel Vorstellungskraft braucht es, um diesen Augenblick zu greifen! Was für ein Glück und gleichzeitig auch Furcht zu wissen, dass man "Es", dass Kind-Sein und seine Empfindsamkeit gelebt hat, und dass es immer noch da ist, in der fortdauernden und vagen Erinnerung.

Und nun fordert diese vage Erinnerung den Autor auf, wieder Kind zu sein. Nicht mehr die Einzigartigkeit des erleuchtenden Augenblicks, der einen erschaudern lässt, verdutzt und wortlos macht in der schutzlosen und wunderbaren Kindkeit, sondern die Sicherheit, dass man diesen Zauber durch eine Erzählung wieder herstellen kann, dank der Lebenserfahrung, dank der Konzentration, die das Anekdotenhafte und Flüchtige beiseite lässt, um die besondere Bedeutung der Literatur zu schaffen.

Wenn das Kind die Kunst des Schreibens und die Erfahrung des Erwachsenen hätte, so glaube ich, würde die Weltbibliothek Wunderwerke bekommen. Aber es ist eben so, dass die Erfahrung der Flüchtigkeit und des Unaussprechlichen, das die Kindheit ausmacht, in Erinnerung bleibt, die der Schriftsteller dann eines Tages zum Ausdruck bringt. Alle großen Schriftsteller, vermutete André Aurois, haben als zentrales Schreibmotiv, wenn auch verborgen, den Übergang von der Kindheit zum Erwachsen werden, den Abgrund zwischen dem Gefühl der Erwartungen und dem enttäuschenden Erkennen der Wahrheit.

Vielleicht kann ich jetzt die eingangs gestellte Frage beantworten. Ich bin der Typ Schriftsteller, der ich bin, weil ich das Kind war, das ich war. Ich verehre meine Kindheit, denn sie gab mir die Reife, die Neugierde, den Anreiz und die göttliche Unbekümmertheit. Und ich respektiere meine Reife, denn sie lehrte mich eine Art des Schreibens, die mir zu dem Glück verhalf, mein Lebensgefühl ein paar Leuten mehr als nur meiner Großmutter erzählt zu haben.

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