SCHREIB Waren : Brot der Fremde

Andreas Schäfer denkt ans Exil und an ein vergangenes Berlin.

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In der Weimarer Republik war er berühmt. Der temperamentvolle Erzähler und Lyriker Max Herrmann-Neiße war im Berlin der zwanziger Jahre ein bunter Hund. Bekannt wegen seiner Lyrik und Romane und wegen seiner ungewöhnlichen Erscheinung – er war kleinwüchsig und hatte einen Buckel – von vielen Malern porträtiert, auch von seinem langjährigen Freund George Grosz. Wenn seine Bücher wie der 1925 erschienene Erzählband „Die Begegnung“ auch gefeiert wurden und ihm den renommierten Gerhart-Hauptmann-Preis einbrachten, zum Leben hat es nicht gereicht. Herrmann-Neiße musste als Korrektor beim S. Fischer Verlag arbeiten und trat später in Kabaretts auf. Nach dem Reichstagsbrand ging er nach London, wo er zwar dem Exil-Pen angehörte, aber weitgehend isoliert blieb und kaum mehr Möglichkeiten zur Veröffentlichung fand. Er starb 1941 an einem Herzinfarkt.

In den Monaten davor schrieb er noch Gedichte, die von seiner Frau posthum in dem Band „Letzte Gedichte“ herausgebracht wurden. Eines heißt „Litanei der Bitternis“: „Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen, / bittrer noch das Gnadenbrot, / und dem Nächsten eine Last zu sein. / Meine bessren Jahre kann ich nicht vergessen; / Doch nun sind sie tot, / und getrunken ist der letzte Wein.“ Heute stellt Klaus Völker in der Akademie der Künste (Pariser Platz, 20 Uhr) den Briefwechsel zwischen George Grosz und Max Herrmann-Neiße vor, aus dem der DT-Schauspieler Bernd Stempel liest.

Eines der schönsten Bücher des vergangenen Herbstes heißt „Die Zeitwaage“, es ist der erste Erzählungsband des Lyrikers Lutz Seiler. Darin finden sich nicht nur nahezu klassische Shortstorys, die in Amerika angesiedelt sind, Texte, die in die thüringische Kindheitslandschaft Seilers führen, sondern auch eine geheimnisvolle Erzählung über Berlin. Sie handelt von einem jungen Mann, der kurz nach dem Mauerfall in einer Kaschemme auf der Oranienburger Straße jobbt und über die Beobachtung eines Arbeiters zum Schreiben kommt. Die allerletzten Relikte dieser vergangenen Zeit sind in der Ruine des Tacheles heute noch immer zu bestaunen, in Seilers atmosphärisch dichtem Schreiben wirkt Berlin freilich noch viel weiter entrückt, fern wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus einer ewigen Nachkriegszeit. Lutz Seiler liest am Donnerstag, 11.2., im Buchhändlerkeller (Carmerstraße 1, 20.30 Uhr).

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