SCHREIB Waren : Fliegender Wechsel

Es war ein Jahr vor seinem Tod im Mai 2001, als der Autor Klaus Schlesinger für ein Interview in seine Wohnung in die Berliner Torstraße lud, und noch bevor man sich an den reich gedeckten Frühstückstisch setzte, waren die großen Themen da: „Sie kommen also aus Frankfurt am Main“, sagte Schlesinger (also aus der westdeutschesten aller westdeutschen Städte), und er sah mich dabei freundlich, aber auch mit abwartender Vorsicht an. Als dann der Fotograf im Schnellverfahren ein Porträt anfertigen wollte, sagte Schlesinger: „Sie wissen aber, das Gesichter immer leerer werden, je länger man sie fotografiert.“ Und als sich der Kollege nicht beeindrucken ließ: „Ihnen hätte die DDR auch gut getan ... Vom Tempo her. Ging alles langsamer.“ War sein Spott menschenfreundlich oder resigniert? War die DDR-Nostalgie Ausdruck eines perfiden Sarkasmus oder ernst gemeint?

Der ehemalige Chemielaborant und Reporter Schlesinger war in den Siebzigern mit Büchern wie „Alte Filme“ oder „Leben im Winter“ über den Alltag, die Sorgen und Hoffnungen sogenannter kleiner Leute in der DDR bekannt geworden. Schlesinger war gar nicht besonders kritisch, er war nur redlich und genau und wurde wegen mangelnden Optimismus’ von den Kulturfunktionären argwöhnisch beäugt – und, nachdem er die Petition gegen Biermanns Ausbürgerung mitunterschrieben hatte, 1979 aus dem Schriftstellerverband geworfen. Die Umsiedlung in den Westen führte zu einem Schock. Mit dem literarischen Milieu verlor Schlesinger für Jahre auch seine Stimme, wovon er 1990 in dem Journal „Fliegender Wechsel“ berichtet.

Nach dem Fall der Mauer zog er zwar wieder in den Osten Berlins, aber weil sich alles verändert hatte, wusste er nicht mehr, für welche Leserschaft er schrieb. Erst 1996 veröffentlichte er wieder einen Roman. „Im Kalten Krieg war mein Grundgefühl ein dramatisches ... Heute ist es Farce. Komödie“, sagte Schlesinger in dem Gespräch damals, als es um seinen letzten Roman „Trug“ ging, sein vielleicht heiterstes Buch über einen Westler (und ehemaligem Ostler), der in den achtziger Jahren in den Osten kommt und mit einem Einheimischen die Identität tauscht. Was Schlesinger selbst elf Jahre nach dem Untergang der DDR vermisste, war ihre Atmosphäre. Damals wies er irgendwann auf ein Gemälde an der Wand, das kurz vor dem Mauerfall entstanden war und eine morgendliche Stimmung am Rosenthaler Platz zeigte. „Wenn sie aus dem Bett einer Frau kommen und nach Hause gehen, Sommer, und das erste Postauto fährt vorbei. So eine Stimmung finden sie nicht mehr wieder.“

Jetzt hat Astrid Köhler die erste Biografie über den „sanften Rebellen“ geschrieben, die sie am 9. Januar um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus in der Chausseestraße 125 vorstellt.

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