SCHREIB Waren : Glückwunsch, Stinkstiefel

Thomas Wegmann

Jaja, mittlerweile kennen wir das Land, in dem die Zitronen blühen. Meinen wir jedenfalls, auch wenn seit geraumer Zeit weniger die Zitrone unser Italienbild dominiert als vielmehr der politische Herrscher über sie: Silvio Berlusconi. Der sorgt für Schlagzeilen, wenn er etwa den amerikanischen Präsidenten in einem Anflug sehr eigenen Humors „jung, hübsch und gebräunt“ nennt. So oder so feiert Italien in diesem Jahr aber Geburtstag, nämlich seinen 150., und obwohl das Jahr noch so jung wie lang ist, wird er schon kräftig begangen – nicht zuletzt mit literarischen Veranstaltungen.

Am morgigen Mittwochabend etwa sprechen Durs Grünbein und Ingo Schulze um 20 Uhr in der Akademie der Künste (Pariser Platz) mit der Leiterin des Goethe-Instituts in Neapel, Carmen Morese, über ihren unterschiedlichen Blick auf Italien, über die Aura der Geschichte und die Gegenwart. Sowohl Grünbein als auch Schulze haben sich in ihren letzten Büchern mit jenem Thema befasst, das in der deutschen Literaturgeschichte fast schon eine eigene Gattung bildet: der Blick auf Italien im Allgemeinen und auf Rom im Besonderen. Beide Bücher – Schulzes „Orangen und Engel“ und Grünbeins „Aroma“ – resultieren aus einer langjährigen Beschäftigung mit Italien.

Gerade wenn hier der tauende Schnee schwarz wird, scheinen Zitrusfrüchte und südliches Blau eine magische Anziehung zu entfalten. Haben sich offenbar auch die BücherFrauen gedacht und sich ebenfalls für den Mittwochabend um 20 Uhr die Lektorin für italienische Literatur und Sachbuch im Wagenbach-Verlag, Susanne Müller-Wolff, ins Literaturhaus eingeladen (Fasanenstr. 23). Sie berichtet über ihre Liebe zu Italien und über das Programm eines unabhängigen Verlages, dessen rote Leinenbücher spätestens seit den 80er Jahre aufs Engste mit italienischer Literatur und Kultur verquickt sind.

Bereits am heutigen Dienstagabend um 19 Uhr eröffnet der Autor, Herausgeber und Kritiker Alfonso Berardinelli im Italienischen Kulturinstitut (Hildebrandstraße 2) eine Konferenz über „Die italienische Poesie des 20. Jahrhunderts“. Nach dieser Eröffnung findet die Tagung in der Literaturwerkstatt statt, auf der Wissenschaftler, Kritiker und Übersetzer den verschiedenen Strömungen der italienischen Literatur nachgehen (Knaackstraße 97, Programm unter www.literaturwerkstatt.org).

Weitgehend italienfrei geht es dagegen in den Texten von Max Goldt zu. Ab und zu verirrt sich mal ein Stückchen zum geografischen Stiefel in seine Prosa: „In Ermangelung eines Löffels versuchte ich in Italien einmal, einen Joghurt mit einem Taschenmesser zu essen. Die Abteilinsassen starrten verkrampft auf die Landschaft, um dieses unwürdige Schauspiel nicht mit ansehen zu müssen.“ Für dieses Szenario wiederum hätte Max Goldt nun nicht bis Italien fahren müssen, zumal er offenbar nicht gern reist, schon gar nicht in den Süden, in bratpfannenheiße Länder, wie er das nennt. Dafür liest er am Donnerstagabend um 20 Uhr viel Neues und vielleicht ein bisschen was Altes im Berliner Ensemble (Bertolt-Brecht-Platz 1). Und sicher eher was über Augs-, Nürn- und Marburg als über Italien.

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