SCHREIB Waren : H2O und Homer

Andreas Schäfer ergründet den Einfluss des Wassers auf die Literatur.

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Das Wasser ist – wenn es um die Sache der Literatur geht – überall. Seine Ambivalenz und Wandelbarkeit ist einfach zu verführerisch, um sich nicht als unerschöpfliches Metaphern- und Bildreservoir anzubieten. Rein und transparent einerseits, tief und unheimlich andererseits, durchsichtig und rätselhaft – sieht so nicht die literarische Sprache aus, die man sich wünscht? Ein Text taucht in die Tiefe, Figuren versinken in was auch immer. Wie eine Schatzkiste taucht am Grund des literarischen Grübelns in jedem dritten Erinnerungsroman das Vergessene auf, weil sich im Bild des Sees oder des Meeres der unfassbare Raum des Bewusstseins so schön darstellen lässt.

Aber auch in knallharter Spannungsliteratur muss ständig jemand (der Gesuchte oder Gefürchtete) oder etwas (eine Idee) aus dem Chaos der Möglichkeiten „auftauchen“, um den Fortgang der Handlung zu sichern. Und was die Dichtkunst betrifft: Einige Kundige behaupten, dass die Seefahrt selbst zur Metapher für sie wurde, da sich der Begriff der Metapher vom griechischen metà phérein (anderswo hintragen) ableitete, was in der Antike immer „per Schiff“ hieß.

Das Schiff ist das Symbol für das Abenteuer des Lebens schlechthin, und Meeresfantasien finden sich nicht nur bei Homer, Melville und Baudelaire, sondern auch bei dem Dichter (und Hobbytaucher) Durs Grünbein, der vor Kurzem den wundervollen Essayband „Die Bars von Atlantis“ veröffentlichte. Seine These: Das Reisen per Flugzeug hat ausgedient, weil es nicht mehr zu Erfahrungen, sondern zu toter Leerzeit im „Transitraum“ führt. Stattdessen singt Grünbein am heutigen Dienstag im Literaturforum im Brechthaus das Lob des Seefahrers, dessen Ambition schon immer der des Poeten ähnelte. Beide brechen auf ins Nichts und hoffen auf ein Ziel (19. 1., 20 Uhr, Chausseestr. 125). Auch in Katharina Hackers neuem Roman „Alix, Anton und die Anderen“, den sie ebenfalls am heutigen Dienstag im Literarischen Colloquium Berlin vorstellt, spielt das Wasser eine bestimmende Rolle, allerdings als Ort des Verdrängten (19. 1., 20 Uhr, Am Sandwerder 5). Seit fast zwei Jahrzehnten treffen sich vier Berliner sonntags, um bei Alix’ Eltern zu speisen und danach um den Schlachtensee zu spazieren. Doch die Harmlosigkeit des Rituals trügt, denn vor vierzig Jahren ertrank Alix’ Bruder als Kleinkind in dem still liegenden See.

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