SCHREIB Waren : Irgendwo im Nirgendwo

Thomas Wegmann

Weil das Nirgendwo als Aufenthaltsort nicht taugt, müssen wir notgedrungen irgendwo bleiben. Das hat Vor- und Nachteile, Woody Allen hat sie gewürdigt: „Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekommt.“ Auch Literatur spielt nicht im Nirgendwo, sondern an bestimmten Schauplätzen – realen oder erfundenen. Was wäre Theodor Fontane ohne Brandenburg, Gottfried Keller ohne Seldwyla, und Paul Auster ohne New York? Umgekehrt suchen Leser fiktionaler Texte ebenfalls gern nach realen Pendants. Wie sonst ließe sich erklären, dass am 16. Juni eines jeden Jahres in Dublin rituell die Orte abgeschritten werden, die der Protagonist in James Joyces Roman „Ulysses“ aufsucht? Und woher kommt die Versuchung, nachzuschlagen, ob der Ort, von dem man gerade liest, auch existiert?

Relativ zweifellos in der Wirklichkeit verankert ist jene Region, die Autoren wie Fritz Eckenga, Bettina Gundermann, Dieter Jandt, Judith Kuckart, Ulrich Land und Ralf Thenior verbindet. Unter dem Titel „Literatouren im Ruhrgebiet. Porträt einer Heimat“ zeigen sie lokale Nischen, bringen Busbahnhöfe und Trinkhallen zum Sprechen. Am Mittwoch um 19 Uhr in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen (Hiroshimastr. 12-16, Anmeldung per Mail: literatouren-ruhrgebiet@ lv-bund.nrw.de).

Einen Tag später stellt Silvia Bovenschen um 20 Uhr ihren Roman „Wie geht es Georg Laub?“ in der Akademie der Künste (Pariser Platz) vor. Darin geht es um einen Schriftsteller, der inmitten einer Lebenskrise sein edles Loft in Frankfurt verlässt und in ein heruntergekommenes Reihenhaus in einem piefigen Viertel Berlins zieht. Was die Umgebung mit einem kultivierten Herrn macht, steht im Mittelpunkt dieses gewieften Kammerspiels in Prosa.

Gregor Sander
wiederum hat im Ostseeraum die Kulisse für seine neuen Erzählungen gefunden. Sie spielen in Rerik, am Nord-Ostsee-Kanal, auf Gotland oder in Helsinki und handeln von Menschen, die unterwegs sind und zugleich in ihren Schicksalen gefangen: wortkarge Seebären, desillusionierte Künstler, angebetete Frauen. Am Donnerstag liest Sander aus seinem Band „Winterfisch“ nicht irgendwo, sondern in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, um 20 Uhr.

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