Kultur : Schreibwaren

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Jörg Plath über

äußerst bedrohliche Nachtschränkchen

Der Nachttisch, erstmals von Kurt Tucholsky gewürdigt, ist die Schlachtplatte des Literaturkritikers. Auf dem Nachttisch nämlich lagern die von den Verlagen eingeschickten Bücher, um den Kritiker um den wohl verdienten Schlaf zu bringen. Weiß der Himmel, warum sich just dieses Möbel dem Zug der Zeit zur Verschönerung widersetzt hat. Immerhin bleibt so unvergessen, dass sich das ästhetische Urteil auf einem Sockel der Geschmacklosigkeit erhebt.

Auf meinem Nachttisch schwanken seit längerer Zeit drei Säulen, deren Höhe nicht abnimmt. Denn obenauf residieren unangefochten zwei Bücher, deren Verfasser endlich nach Berlin kommen. Georges-Arthur Goldschmidts jüdische Eltern schickten ihren Sohn aus Angst vor den Nationalsozialisten in ein französisches Internat. Dessen Regiment des Strafens und Erniedrigens erzeugte in dem Heranwachsenden eigentümliche Gefühle: „Sonderbares Erschauern bog mir den Rücken ein, zerrte am Inneren meines Körpers, es war fast wie vor Weihnachten, dabei stiegen in mir seltsame Bilder von Nacktsein auf, wie Wachträume, wonnige Schamgefühle.“ Goldschmidt, der nach der Befreiung in Paris Lehrer und Schriftsteller wurde, liest im Literarischen Colloquium aus seiner Autobiographie „Über die Flüsse“ (Literarisches Colloquium 12.6., 20 Uhr).

„Rote Handschuhe“ heißt das zweite Buch auf meinem Nachttisch. Darin schildert der Siebenbürger Eginald Schlattner, wie ein junger Mann 1957, im Jahr nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution, in die Hatz auf vermeintliche Konterrevolutionäre gerät. Zwei Jahre verbringt er in den Zellen der Securitate, beschimpft, geschlagen, bedroht, am Schlafen gehindert. Zwei Jahre kämpft er mit den Bütteln und den Erinnerungen an Nazis, Christen und Kommunisten, an Dichter, Mädchen und – sich selbst. Am Ende zerbricht er und belastet vor Gericht Freunde. Schlattner trägt aus der beängstigenden Selbsterkundung im Literaturforum (13.6.) und im Al Globe vor (Potsdam, 14.6., jeweils 20 Uhr).

Nun zu den Sedimenten auf dem Nachttisch: Vor dreieinhalb Monaten habe ich an dieser Stelle auf die erste Lesung von Christa Wolf aus „Leibhaftig“ hingewiesen. Am 13.6. liest sie nicht nur, sondern diskutiert auch mit Annett Gröschner, Sonja Hilzinger und Lothar Müller (In den Ministergärten 6, 19 Uhr).

Etwas tiefer lagert Günter de Bruyns kleine Devotionalie zu „Preussens Luise“, der schwärmerisch verehrten Hohenzollernkönigin, die 1810, mit nur vierunddreißig Jahren starb. An der Legendenbildung, die der Nationalpreisträger voller Sympathie nachzeichnet (13.6, Sommerfest im Schweizer Sortiment, Französische Str., 16 Uhr 20), hatte das Doppelstandbild der schönen Luise mit ihrer reizenden Schwester Friederike übrigens keinen Anteil. Schadows Kunstwerk, das heute in der Friedrich-Werderschen Kirche ausgestellt ist, wurde weggeschlossen, nachdem Ehemann Friedrich Wilhelm III. 1795 knapp „Mir fatal“ geäußert hatte.

Die Augen machen sich selbständig. Ein Krimi noch zum Abschluss. Passenderweise schwanken die Büchersäulen bedrohlich. Fred Vargas’ „Das Orakel von Port Nicholas“ (Literarisches Colloquium, 14.6., 20 Uhr) kennt nummerierte Sitzbänke in Paris, einen Pittbull, eine Hure und einen Zehenknochen ohne Frau. Bitte, Monsieur Kehlweiser, übernehmen Sie! Die Woche schließt mit einem Fest: Am 15.6. feiert der Literarische Salon Britta Gansebohm (Podewil, 20.30 Uhr) sein Siebenjähriges mit Sieben-Minuten-Geschichten zum Thema Sieben von „7 + 1 Autor“. Nanu. Wer wollte denn da nicht zurückstehen: Carmen Francesca Banciu? Tanja Langer? Unda Hörner? Norbert Kron? David Wagner?

Egal. Licht aus. Morgen wird der Nachttisch abgeräumt.

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