Schriftsteller : Keiner wird satt, deshalb kommen alle wieder

Elf Anekdoten aus dem ABC des Betriebs und der Schriftsteller – in der Erinnerung prominenter Gäste.

Hermann Peter Piwitt
Früh übt sich. Florian Höllerer (l.u.) im Gespräch mit seinem Vater Walter Höllerer und Max Frisch (1968). Fotos: Renate von Mangoldt
Früh übt sich. Florian Höllerer (l.u.) im Gespräch mit seinem Vater Walter Höllerer und Max Frisch (1968). Fotos: Renate von...

Arkadien.

Ich glaube, ich bin der Älteste unter den noch Lebenden des ersten Stipendienjahrgangs des LCB, und wir fühlten uns noch in der Carmerstraße zu Hause. Das LCB am Wannsee lernte ich erst richtig kennen, als Born nach Berlin, frisch geschieden, aus Essen zurückkam. Ich wohnte im Haus nebenan bei einem alten Annoncenakquisiteur. Ich schrieb damals mit Preludin und Korn in der Frühe vier, fünf Seiten Prosa und schmiss sie abends weg. Born schrieb Gedichte. Gegen Mittag schwamm ich zu ihm rüber. Wir gingen am Bahnhof Wannsee frühstücken. Nachmittags brachen wir (O-Ton Born) zu einer Wanderung auf. Und fuhren abends mit der S-Bahn in die Stadt, aßen bei Reimann am Savignyplatz ein Bauernfrühstück, trafen Mädchen oder spielten mit Buch, der nie verlieren konnte, das aber immer witzig, Mau-Mau. Es war eine schöne Zeit. Hermann Peter Piwitt

Bild der Gruppe 47. Im großen Saal hängt ein großes Schwarz-Weiß-Foto, das eben dort während der Tagung der Gruppe 47 aufgenommen wurde, wohl im Jahr 1965. Ist es Richter, der einem den Rücken zuwendet und sich am Kopf kratzt? Fried, der zur Seite sieht, Unseld, der kritisch, und Fichte, der begeistert schaut? Mehrere Schriftsteller tragen weißes Hemd und Krawatte; die Luft scheint verraucht zu sein. Alles auf dem Foto sagt mir immer, dass es lange her ist. Und dass ich womöglich etwas falsch mache. Leider sagt es nicht, was genau. Junge Frau, ihr Erstlingswerk wird zu Recht gefeiert, gibt mir die Hand. Sie sagt: Wann schrieben Sie Ihr erstes Buch …? Ich gebe Auskunft, ich bin umständlich, weil sie schön ist. Mitte der Neunziger, sage ich. Zwei Jahrzehnte vergangen. Ich hätte schummeln können, sie kennt mich nicht. Mein Lob für ihr Buch prallt an ihr ab. Kommen und Gehen im Frühstücksraum. Feine Kollegen aus dem Ausland, was ein schönes Deutsch sie doch sprechen. Junge Debütantin legt eine einzige Scheibe Tilsiter auf ihren Teller. Eine Scheibe? Ja, eine Scheibe. Sie grüßt uns knapp, setzt sich allein an einen Tisch. Kaut langsam, schaut hinaus, träumt. Die Grazie in der Stunde ihrer leichten Bekümmerung. Ein feiner Kollege flüstert: Mein Gott, sie sieht aus wie meine Schwester. Feridun Zaimoglu

Humor. Der Anruf. – Das Colloquium. – Was wollen die von mir? – Die fragen: „Lesung?“ – Ich: „Rufe zurück!“ – Telefonbuch, Nummer, Rückruf: „Stellt Euch vor, eben hat jemand angerufen und mich gefragt, ob ich bei Euch lesen würde!“ – „Ja. Das waren wir.“ – „Aber Ihr wisst doch, was ich mache. Meine Texte sind humorinfiltriert, kleine Eseleien der Narretei, Pointen-Ponys, die sich schweren Schrittes durch die Sägespäne beim Schützenfest schleppen. Keine Flügel, nicht mal Pferde.“ – „Da ist gerade Messe und keiner da.“ – Ich: „Verstehe.“ – Lese. Jakob Hein

Kleistizid. Zur Halbhundertjahrfeier geplantes finales Happening, bei dem 50 auserwählte Doppelselbstmorde in der Manier des Heinrich einmalig an sinnträchtiger Stelle mit Hinüberblick zum Colossalium vollzogen werden. Am Henrietten-Casting arbeitet das preußische Team des LCB. Wegen der ungemeinen Zielschärfe der deutschen Literatur werden Kalaschnikows ausgegeben. Kein Bewerber, nirgends. Thomas Lehr

Lesung. Öffentlich aus Büchern vorlesen? Das ist in China nicht üblich. Erst in Berlin habe ich gelernt, wie ein Buch samt Autor schmeckt, seither kann ich davon nicht mehr genug kriegen. 2002 wurde ich in die Werkstatt des LCB aufgenommen. Zum Abschluss sollten wir vorlesen. Wortbergklettern vor hundert Zuhörern? Ich zog mein bestes Kleid an. Ich schwitzte, stolperte, rannte. Als ich den Berg hinter mir sah, jubelte ich. Luo Lingyuan

Salzstangen. Der Hunger nach getaner Arbeit ist immens, deshalb hält ein guter Gastgeber stets einen unerschöpflichen Vorrat an S. und Erdnussflips bereit. Nirgendwo schmecken sie besser als an der zweifellos sehr schattigen Bar des LCB. Keiner wird satt, aber eben deshalb kommen alle wieder. Sind nicht regelmäßig diejenigen Erinnerungen die leuchtendsten, mit denen sich ein gewisser Mangel verknüpft? Michael Kumpfmüller

Sex. Wort, das nach gefühlter Wahrnehmung im LCB-Textuniversum eher auf den hinteren Rängen sein Dasein fristet. Dabei hat Ulli Janetzki eindeutig Sexappeal. Das LCB ist, genau wie Berlin, arm, aber sexy. Manchmal, bei Lesungen, denke ich gern darüber nach, wie dieser Autor dort oben eigentlich im Bett so wäre. Ein guter Liebhaber? Oder ein Ich-muss-noch-mal-schnell-was-aufschreiben-Wegspringer? Dann sitzt da Denis Johnson mit seiner ganzen bulligen Ex-Junkie-, Ex-Soldat-Feinnervigkeit und für Augenblicke scheinen S. und Literatur eins zu werden. Larissa Boehning

Turmzimmer. Ständig treffe ich Autoren, die mir weismachen wollen, dass sie „im T. wohnen“, sie kommen zu mir, um es mir, mit leicht glasigem Blick, zu sagen. Ich wohne diesmal im T., sagen sie, was wohl bedeuten soll, dass sie beim letzten Mal nicht im T. gewohnt haben, sie sind also besser geworden, aber was heißt das, sie sind besser geworden, aber sie sitzen im T. wie ein Seemann in seinem Ausguck, und sie rufen den anderen zu: Land, ich sehe Land, vielleicht ist das der ganze Sinn des T.s, dass sie, die es so weit gebracht haben, da sitzen und rufen können. Volker Sielaff

Wasserglas. Die traditionelle Lesung unterscheidet sich von moderneren Vortragsformen wie der Performance, dem Poetry Slam oder dem Poesiefilm durch ein in Reichweite des Autors aufgestelltes W. Dieses sollte vor Veranstaltungsbeginn gefüllt werden, damit der Autor nicht während der Lesung mit Schraubverschlüssen, schweren Flaschen oder Karaffen hantieren muss. Ungeschicktes Hantieren könnte beim Publikum den Anschein erwecken, dass es sich doch um ein Happening handelt. Von Vorteil ist, wenn der Autor sich beherrscht. Nichts verdirbt eine Lesung so sehr wie gierige Schluckgeräusche des Dichters, nichts trägt so sehr zu ihrem Gelingen bei wie ein gut gefülltes W., das unberührt dasteht: Nur dann ist der Autor von seinem eigenen Text gefesselt, nur dann kommt Intensität auf, nur dann herrscht interesseloses Wohlgefallen. Marion Poschmann

Zigaretten. Im LCB durfte ich einmal eine Zigarette mit Monika Maron rauchen. Eine Zigarette mit Katja Lange-Müller, eine Zigarette mit Burkhard Spinnen. Eine mit Peter Bichsel, eine mit Wolfgang Hilbig, eine mit Reinhard Baumgart, obwohl Reinhard Baumgart eigentlich nicht geraucht hat, nur manchmal geraucht hat. Ich durfte unzählige Z. mit den Stipendiaten einer Werkstatt rauchen, wir rauchten im holzgetäfelten Saal, im Lesesaal, in der Bar, im Wintergarten, auf der Terrasse, auf dem Weg zum See, auf dem Weg zurück vom See zum Haus. Der Blick vom Seeweg hoch zum Haus! Lichter und Stimmen. Und rauchend darauf zu. Sprechend, schweigend, rauchend. Heute raucht niemand mehr. Manchmal drei kleine blaue Rauchwolken auf der Freitreppe im Winter, eine Reminiszenz. Texte müssen das jetzt alleine tragen, Sucht, Feuer, Poesie. Judith Hermann

Zusammenarbeit. Eine Kritikerin, ein Autor und ein Lektor sind mal über die Brüstung geklettert und ins Wasser gesprungen. Die Kritikerin war am nächsten Tag erkältet. Katy Derbyshire

Wir entnehmen diese Texte mit freundlicher Genehmigung des LCB dem in den nächsten Tagen erscheinenden Jubiläumsband „S-Bahn nach Arkadien“.

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