Schriftsteller Wilhelm Genazino : „Früher war ich ein Nachttiger“

Er kann schon sehr empfindlich sein – wenn er Hessisch hört oder U-Bahn fährt. Dabei weiß Wilhelm Genazino genau: Ein Mann darf keine Zicken machen.

von und Interview
Wilhelm Genazino.
Wilhelm Genazino.Foto: dpa

Wilhelm Genazino ist Schriftsteller und wurde 2004 mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis geehrt. Zu seinen großen Erfolgen zählen die Romane „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ und „Wenn wir Tiere wären“. Am 22. Januar feiert Genazino seinen 70. Geburtstag. Er lebt in Frankfurt am Main


Herr Genazino, wofür haben Sie sich heute schon geschämt?

Ich habe mich noch nicht geschämt. Aber es ist ja erst 14 Uhr.

Schämen ist das wohl häufigste Wort in Ihren Romanen. Man könnte glauben, Sie schämen sich gern.

Scham ist ein innerer Überfall. Und Überfälle hat man nicht gern. Ich war heute noch nicht einkaufen, meistens passiert das ja im Supermarkt. Da sind alle, Rentner, junge Frauen mit ihren Kindern, Betrunkene. Und die benehmen sich so, dass man sich ihrer bisweilen schämt.

Zum Beispiel?

Betrunkene. Die stolpern da rein mit einem Rucksack voll leerer Flaschen, die wollen sie abgeben, damit sie zwei Euro kriegen und sich damit wieder eine Flasche Bier kaufen. Das Ganze dauert dann eine halbe Stunde. Das beschämt sehr viele andere, weil man sieht, Mannomann, der Trinker ist gar nicht so alt, der ist noch nicht 40. Und schon am Ende seiner Laufbahn.

Heute nennt man das fremdschämen.

Ja. Manchmal kommen auch betrunkene Frauen, das ist was Neues. Da schämt man sich dann noch mehr. Wenn eine Frau so aus der Fassung fällt.

In Ihren Romanen sind die Hauptpersonen scheiternde Menschen, verletzliche Personen, die sich andauernd grotesk verheddern. Wie viel Genazino steckt in diesen Personen?

Was ich den Leuten andichte, sind die von mir vorgefühlten Wahrnehmungen, die verteile ich dann auf mein Personal. Jeder Schriftsteller lebt von einem Reservoir, das ihn erst zum Schriftsteller gemacht hat. Und meines ist eine Art von Empathie. Ich kann kaum ein Kind sehen oder eine Oma, die stolpert und fast hinfällt, da denke ich: Jetzt pass auf, sonst liegst du auf der Nase!

Ein typischer Genazino-Satz lautet: „Ich bin ohne meine innere Genehmigung auf der Welt.“ Haben Sie die Genehmigung mittlerweile erhalten?

Da sie nicht ausgestellt wird, habe ich sie nicht erhalten. Ich wüsste nicht, wo man die beantragen könnte. Natürlich muss man sie bei sich selbst beantragen. Das ist der Witz dieses Satzes. Aber man ist ja nicht sein eigener Beamter. Ich sehe immer nur, dass ich genötigt werde, dieses oder jenes zu tun oder zu denken oder zu fühlen. Und das ohne innere Genehmigung. Von zehn Erscheinungen sind es acht, mit denen ich nichts zu tun haben will.

Wovon fühlen Sie sich denn fortwährend genötigt?

Von großen Menschenansammlungen. Oder von gewissen Überempfindlichkeiten. Manchmal kann ich Hessisch sprechende Menschen nicht hören. Oder auch U-Bahn-Fahren. Häufig sitze ich in der U-Bahn, und plötzlich kotzt einer in den Gang. Und es fängt an zu stinken. Bestialisch.

Für ein paar Jahre haben Sie Ihren Dauerwohnort Frankfurt verlassen und in Heidelberg gewohnt. Angeblich sind Sie dort wieder weggezogen, weil Sie den Dialekt nicht ertragen haben.

Dieses Mannheimerische …

… in Mannheim sind Sie ja geboren.

Eben. Das hatte ich unterschätzt. Ich bin nach Heidelberg gezogen, das ich aus meiner Kindheit kannte. Doch ich hatte vergessen, dass die dort die gleiche Sprache sprechen, dieses Helmut Kohl’sche Pfälzisch, dieses Mit-einer-Kartoffel-im-Mund-Sprechen.

Sie sind in einem völlig amusischen Elternhaus aufgewachsen. Und jetzt schreiben Sie Bücher, beschäftigen sich mit Musik, mit Kunst. Wie geht das?

Das frage ich mich auch oft. Vielleicht war es eine Art Widerstand gegen dieses Elternhaus, der Aufbau einer alternativen Welt gegenüber diesem Kleinbürgermilieu. Ich wollte ein anderes Leben führen als das, was mir vorgelebt wurde. Und hatte dabei großes Glück. Weil ich anfing als Schüler, kleine Geschichten zu schreiben, Humoresken, anderthalb Schreibmaschinenseiten. Ich habe die einem Lehrer gezeigt, der fand sie gut und hat mir ein paar Adressen von Zeitschriften gegeben, an die ich sie schicken sollte. Und die haben dann das eine oder andere gedruckt. Da war ich 14 Jahre alt. Das war wirklich ein sehr süßes Erlebnis. Dieser Erfolg! Und die haben sogar Honorar gezahlt, 13 Mark oder so was. Damals eine enorme Summe. Mein Vater war perplex, er hatte das nicht für möglich gehalten. Wir hatten kein Buch zu Hause.

Noch mal so ein Satz von Ihnen: „Ich hielt den Mund und litt in mich hinein.“ Hat sich mit dem Älterwerden an diesem Leiden am Leben und an der Welt etwas geändert?

Ich wundere mich nicht mehr so über die Welt wie vor 30 oder 40 Jahren. Man findet es völlig normal. Aber zum Glück gibt es ja die Innenwelt, und die ist ein verschonter Bezirk. Die Menschen brauchen eine geschützte Zone.

Die meisten Menschen nicht. Die gehen immer dahin, wo die anderen auch sind.

Natürlich. Jeder kennt die Situation, wenn die Eintracht am Samstag spielt und die ganzen Fußballanhänger aus dem Umkreis von 80 Kilometern anreisen und ins Stadion gehen: die Welt als Radau.

Waren Sie schon mal in einem Fußballstadion?

Ein einziges Mal, vor vielen, vielen Jahren. Diese Konfrontation mit der Masse! Was für eine Panik ich hatte!

Sie sind sehr lärmempfindlich?

Ich bin allgemein empfindlich.

Sind Sie gescheiter geworden mit den Jahren?

Ich bezweifle, dass es eine Weisheit des Alters gibt. Man hält sich als älterer Mensch leichter von dem zurück, von dem man weiß, dass es einem nicht bekommt. Ich betrinke mich zum Beispiel nicht.

Wie ist es denn, 70 zu werden?

Da ich bis jetzt Glück gehabt habe und gesund bin, kann ich nicht hadern. Es gibt aber etwas, das mir nicht passt. Ich werde zu schnell müde. Ich kann nicht mehr bis in die Puppen feiern. Vor 30 oder 40 Jahren war ich ein Nachttiger hier in Frankfurt, da bin ich nie vor drei Uhr früh in irgendein Bett gekommen. Mal übernachtete man bei dem oder mal bei der. Wenn man ein Mann ist, dann hat man vorübergehend auch mal eine zweite Frau, hatte ich natürlich auch. Hat mir gut gefallen.

Trauern Sie diesem wilden Leben nach?

Nein. Ich hatte das ja.

Die meisten Menschen wollen aber immer mehr.

Ich nicht. Es gibt diese wunderbare Bach-Kantate „Ich habe genug“. Als ich die zum ersten Mal gehört habe, da habe ich gestaunt. Dass jemand das sagen kann! Dass jemand ein dermaßen ergreifendes Musikstück aus nur dieser Zeile machen kann!

Sex spielt in Ihren Romanen eine große Rolle, wird recht explizit beschrieben und ist nicht selten eine ziemlich komische Sache.

Es gibt ja nichts, das durch Wiederholungen nicht komisch werden würde. Es ist die Entwertung eines an sich ernsten Vorgangs in den komischen Bereich, nur aufgrund der Wiederholung.

Und wie ist Sex im Alter? Noch komischer?

Das glaube ich nicht. Die Grenze ist rasch erreicht. Man kann nicht mehr als lachen. Oder Ironie empfinden. Man lacht sich ja auch nicht halb tot beim Sex. Das ist mehr eine heitere innere Bewegung. Es ist ja kein Witzeerzählen.

Haben Sie Glück mit Frauen gehabt?

Ja, sogar da. Also, nicht durchgehend. Ich war verheiratet, meine Frau ist leider tot. Das ist keine gute Geschichte, weil wir uns liebten. Es war ein tragischer Tod, eine Gehirnblutung.

Sie sagten mal, Männer hätten es im Leben schwerer als Frauen, Männer hätten eine kompliziertere Innenwelt.

Männer haben ihre schwer verträglichen Phasen, wo sie auch körperlich nicht mit sich im Reinen sind und sich am liebsten ins Bett legen möchten. Das ist in der Tat bei Männern noch widersprüchlicher als bei Frauen. Weil Männer noch mehr allein damit sind. Sie dürfen nicht klagen. Ein Mann, der Zicken macht, über den wird erbarmungslos geurteilt. Insofern haben es die Männer schwerer, weil ihre eigene Zickenhaftigkeit keine Kulturform geworden ist.

Sie haben keinen Computer, sondern schreiben auf einer mechanischen Schreibmaschine, nicht mal auf einer elektrischen. Sie sind hoffnungslos antiquiert.

Mein Leben ist leichter als das Leben der sogenannten normalen Mehrheit, weil ich die ganzen Technikprobleme eben nicht habe. Ich sehe es ja bei den Kollegen, die reden fast ununterbrochen über ihre blöden Geräte. Ich brauche alle halbe Jahre ein neues Farbband, das war’s. Wenn ich jetzt einen hohen Ausstoß hätte, würde ich das noch eher plausibel finden. Aber ich schreibe am Tag eineinhalb bis zwei Schreibmaschinenseiten. Noch etwas ist wichtig: Ich möchte nicht an ein Gerät angeschlossen sein. Meine Tochter macht sich lustig über mich.

Ist die nicht so altmodisch wie Sie?

Nein, die ist sehr neumodisch. Aber sie versteht mich inzwischen und sagt, du bist ein Sonderfall. Dann denke ich: Ja, genau, das ist die Melodie meines Lebens. Ich bin ein Sonderfall. Dabei bin ich gar kein Sonderfall. Es hat sich einfach herausgestellt, dass die älteren Techniken für mich ausreichen. Es ist sehr schön, hier zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen, gelegentlich hüpft ein Eichhörnchen den Baum hoch, es gibt keinen Ton, noch nicht einmal das Schreibgerät gibt dieses Summen von sich, das ich unangenehm finde.

Sie haben auch keinen Fernseher. Dabei müssten Sie dem Fernsehen dankbar sein. Sie sind ja 2001 vom „Literarischen Quartett“ entdeckt worden. Vorher haben Sie etwa 4000 Exemplare pro Roman verkauft, dann waren Sie plötzlich ein Bestsellerautor.

Wenn ich einen Fernsehapparat hätte, wäre ich ein sehr übler Fernseher. Ich wäre genau der, der sitzen bleibt und irgendeinen Käse anguckt. Vielleicht weil ich müde wäre und gerade keinen Einfall hätte. Ich bin sehr oft müde und habe sehr häufig keinen Einfall. Dann nehme ich mir halt ein Buch.

Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag, wenn Sie nur ein bis zwei Seiten pro Tag schreiben? Das ist doch nicht tagesfüllend.

Aber fast. Ich schreibe sehr langsam. Mit langen Denkpausen dazwischen. Ich fange gegen zehn an, und bis zur Mittagszeit kommt da nicht viel. So ungefähr weiß ich, was ich schreiben will, wo’s langgeht. Dann brauche ich so drei bis vier Stunden, bis die ein bis zwei Seiten fertig sind. Die sind dann allerdings so, dass ich nicht mehr viel daran zu machen habe. Ich könnte nicht so arbeiten wie viele Autoren, dass sie eine erste Fassung raushauen, sechs oder sieben Seiten, ein Albtraum. Dann sind sie fertig, legen sich ins Bett und schlafen. Und am nächsten Tag kommt die zweite Fassung. Dann die dritte und die vierte. So ein Materialaufwand! Ich mache die drei, vier Fassungen im Kopf. Vorher.

Sie sitzen vier Stunden an der Schreibmaschine. Und sonst? Es heißt, Sie sind ein großer Spaziergänger und haben immer kleine Kärtchen und einen Stift dabei, um etwas zu notieren.

Das stimmt. Wenn ich einen Einfall habe oder etwas sehe, dann notiere ich es.

Mit einem Bleistift?

Ja, ein Bleistift hat die richtige Größe für die Hemdentasche, außerdem schätze ich Bleistifte. Das sind wunderbare Geräte. Die laufen nicht aus wie Kugelschreiber.

Sie gehen seit Jahrzehnten durch Frankfurt spazieren. Sie kennen jeden Grashalm in jedem Vorgarten.

Ja, aber die Versenkung ins Detail geht weit übers Kennen hinaus. Und das Tierleben hier ist unglaublich intensiv. Es sind vor einiger Zeit hier Wildgänse angekommen, gleich da drüben. Die sehen wunderschön aus, große Tiere. Und alle haben gerätselt, wo kommen die denn her? Manchmal fliegen die halbe Tage weg. Dann hat man Angst, dass sie nicht wiederkommen, ist es denen vielleicht zu laut? Doch sie kommen wieder. Die Kinder stehen herum und freuen sich, dass die Tiere wieder da sind. Dann wackeln die Gänse auf die Kinder zu. Man denkt, das ist wie in einem Märchenbuch.

Ihr bisher letzter Roman heißt „Wenn wir Tiere wären“. Da ist zu lesen, dass Tiere Vorteile gegenüber den Menschen haben.

Vor allem zwei: Sie kennen den Glückszwang nicht. Der plagt uns ja von Kindheit an. Also diese Vorstellung, man müsse im Leben Glück haben. Deswegen wird aus dem Bedürfnis nach Glück langsam ein Zwang. Dem Tier ist das wurst. Eine Ente weiß nicht, was Glück ist. Zu ihrem Glück.

Und der zweite Vorteil?

Das andere ist der Denkzwang. Ein Regenwurm denkt nicht nach. Daher kommt der große Neid der Menschen auf das Tier. Die sehen, wie wunderbar diese Wesen leben ohne diese beiden Beeinträchtigungen.

Wenn Sie ein Tier wären – welches?

Als Pubertierender fand ich den Tiger ganz toll. Ich sehe mir ganz gerne Tierfilme an, und die gefallen mir eigentlich fast alle. Eine Eule, die auf einer Tanne sitzt und die ganze Nacht ins Dunkle schaut. Oder eine Antilope, die in der Wüste von einem Tiger verfolgt wird. Die Antilope ist ja äußerst schnell. Und sie verarscht den Tiger dann doch.

2004 haben Sie den Büchner-Preis erhalten, den angesehensten Literaturpreis Deutschlands, und waren plötzlich in einer Liga mit Grass oder Walser, den Großschriftstellern. War Ihnen das peinlich?

Nein. Die tiefste Schicht der Erfahrung war Verwunderung. Ich hatte niemals geschrieben, um Anerkennung zu kriegen, sondern ich war immer ein Lustschreiber. Dass das ein Erfolg werden würde, das war Glück. Daher rührt eine gewisse Daseinsdankbarkeit. Das war ein Beweis, dass auch ich mit meinen Büchern in die Welt hineinpasse. Das hatte ich als junger Mensch stark bezweifelt. Ich ging ja aus von der Erfahrung: Die Welt und ich, wir haben hier zusammen nichts zu suchen. Entweder die oder ich.

Ihre Romane spielen in Frankfurt. Haben Sie nie Lust gehabt, etwas ganz anderes zu schreiben? Einen Karibikroman, in dem die Männer Rum trinken und die Frauen goldene Ohrringe tragen?

Ich hätte sofort Angst vor dem Klischee. Einmal wollte mich ein Magazin in die Südsee schicken. Das ist doch was für Sie, haben die gesagt, da springen nackte Weiber herum. Ich gehöre nicht zu diesen Männern, denen ein Mädchen im Flechtrock und oben ohne schon wie das Paradies vorkommt. Wenn mir das mal passieren würde, dann weiß ich, dass mir niemand mehr helfen kann. Und Hawaii schon gar nicht.

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