Kultur : Schritt für Schritt

Schön ausgetanzt: „12 Tangos“ aus Argentinien

Dagny Lüdemann

„Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“, sagte der argentinische Komponist Enrique S. Discépolo in den Zwanzigern. Gerade versuchte der Tango sich von der Melancholie zu emanzipieren – da ist er wieder da, der traurige Gedanke. In den Köpfen junger Argentinier, die in Scharen ihr krisengeplagtes Land verlassen. Viele sind arbeitslos und verschuldet. Nach dem Wirtschaftskollaps konnten sie nur noch limitierte Summen vom Konto abheben: „Corralito“, Laufstall, sagen Argentinier dazu – deutliche Metapher für das Gefühl von Freiheitsentzug.
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Zwölf Tangos stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms von Arne Birkenstock; doch die Kamera schwenkt immer wieder aus in die Lebenswelten der Protagonisten: Der 71-jährige Roberto Tonet hat als junger Berufstänzer die Welt bereist und viel Geld verdient – mit dem „Corralito“ verlor er fast alles. Seine Tanzpartnerin, die 20-jährige Marcela hat dank ihrer spanischen und italienischen Großeltern Anspruch auf einen europäischen Pass – sie will auswandern, denn in Buenos Aires findet sie keinen Job. Und die vierfache Mutter Yolanda Zubieta kann ihre Schulden nicht begleichen und beschließt, als illegale Einwanderin in Spanien putzen zu gehen. Ihre Kinder lässt sie zurück.

Bedrückung, Hoffnungslosigkeit, Abschiedsstimmung – diese Gefühle fängt der Film in zwölf berühmten Tangos ein, die in „La Catedral“, einem alten Kornspeicher getanzt werden. In der Halle hängen Funzeln an Stahlträgern, deren warmes Licht mit letzter Kraft das Parkett erreicht. Die Kapelle, für die der Gitarrist Luis Borda die berühmtesten Tangueros zusammengeholt hat, scheint an der Wand hochzuranken – so steil sind die Stufen, auf denen sich die Musiker postieren. Die große Tangostimme Jorge Sobral und der Bandoneon-Virtuose José Libertella haben hier einen ihrer letzten Auftritte. Sie starben wenige Wochen nach den Dreharbeiten.

Gleichzeitig mit dem Tod dieser Ikonen erlebt der Tango in Argentinien eine Renaissance. Früher tanzten sich die Einwanderer das Heimweh von der Seele. Heute wandern ihre Enkel von neuem nach Europa aus. Und wieder tanzen sie Tango. Dagny Lüdemann

Broadway, Cinema Paris, Moviemento

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