Kultur : Schulsport

No-go-Areas : eine Debatte in der Akademie der Künste

Caroline Fetscher

„Ich habe noch nie aus einem Kinderwagen den Schrei ,Heil Hitler!‘ gehört.“ Auf diese so minimalistische wie einleuchtende Formel brachte Uwe-Karsten Heye, einst Regierungssprecher, heute Chefredakteur des „Vorwärts“, seinen Verdacht zur Genese rechter Gewalt. Von allein läuft kein Kind in die Irre: Erwachsene stecken dahinter, als Agenten der Sozialisation, Eltern, Lehrer, ein Schulsystem. Eingeladen zur Diskussion über „No-go-Areas“ hatte der neue Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, der auch gleich selbst mit aufs Podium stieg. Dem Moderator Thomas Roth wie seinem Auditorium stellt Staeck in Aussicht, dass die Akademie sich zurückmelde, dass das Politische wieder auf der Agenda sei. Vor allem ist er erst einmal glücklich über mehr als zweihundert Debattenpilger, „und das trotz Fußball“.

Draußen lärmt der Autokorso und wehen schwarzrotgoldene Fahnen um die Wette, drinnen wird Ursachenforschung betrieben. Heye, wie Podiumsgast Katja Riemann aktiv in der Organisation „Gesicht zeigen!“, hatte das Stichwort geliefert: Nach der Attacke auf einen deutschen Ingenieur äthiopischer Herkunft in Potsdam hatte Heye Dunkelhäutigen geraten, gewisse Gegenden Ostdeutschlands zu meiden: „No-go-Areas“. Im Vorfeld der WM entfaltete sich dann eine Auseinandersetzung zum Thema Rassismus.

Simplice Freeman, geborener Kameruner und Initiator der „World Cup Racism Helpline Germany“, lebt seit sechs Jahren in Deutschland und erklärt den Mitdiskutanten, sämtliche Nichtweißen in Deutschland seien mehrmals Opfer von „Faschos“ oder auch der Polizei geworden. Wer sich beschwere, gerate selbst ins Visier, Diskriminierung sei für sie Alltag. Niemand widerspricht der subjektiven Statistik, womöglich weil in deren pauschalem Gestus ja auch ein Teil der empirischen Wahrheit liegt.

Nach der Wende 1989, das legt Brandenburgs wacher Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg dar, habe das Ende der DDR zunächst ein juristisches Vakuum hinterlassen, das die rechte Szene ermutigte. Ressentiments gegen „Ausländer“ im Osten hat auch der Brandenburger Künstler Georg Katzer erlebt, „von PDS bis CDU war das eine Einheitsfront“. In diesem Milieu wuchsen die jugendlichen Täter von heute auf. Für die Amadeu Antonio Stiftung – benannt nach einem Todesopfer von „so genannten Wald- und Wiesenskins“ – spricht Vorstandsvorsitzende Anetta Kahane, balanciert warnend, entwarnend. Es gebe heute zwar weniger rassistisch motivierte Morde als noch vor einem Jahrzehnt – „nur etwa drei, vier pro Jahr“ – doch nehme die Anzahl der Übergriffe zu.

Uwe-Karsten Heye sieht den Weg zur Entspannung in einer Radikalreform des verheerend wirkenden Schulsystems: „Im Faltenwurf des Föderalismus ist dieser größte aller Skandale aufgehoben.“ In keinem anderen europäischen Land etwa finde sich eine derart „frühe Selektion“ der Schüler wie in Bayern und Baden-Württemberg. Das Sortiertwerden in Schultypen mit und ohne Zukunft lasse die Kinder „aggressiv und krank“ werden. Diese „Beschämungskultur“ sei Mitursache rechter Gewalt. „Solange die Gesellschaft das hinnimmt“, schließt Heye, der mehrfach Applaus erntet, „kann sich nichts bewegen.“

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