Kultur : Schultasche mit Bombe

FILM

Kerstin Decker

Aus dem fast vergessenen Bürgerkriegsland und dem noch vergesseneren Filmland Algerien kommt Rachida. Algerien, eine Heimat des islamischen Terrorismus. Viel mehr weiß man kaum. Wahrscheinlich würde Regisseurin Yamina Bachir Chouikh protestieren. Wessen Heimat Algerien ist – seit wann bestimmen das die Ignoranten?

„Rachida“ ist der erste Film der fast 50-jährigen Regisseurin. Seit 1973 ist sie Cutterin im Centre National du Cinéma Algerien. Zu einer Zeit, als noch niemand „islamischer Terrorismus“ dachte, wenn der Name Algerien fiel. „Rachida“ ist nichts anderes als die Selbstbehauptung der Heimat Yamina Bachir Chouikhs. Ein schöner Film, auch wenn er vom Terror handelt. Ein leiser Film, auch wenn der Terror laut ist.

Eine junge Lehrerin in Algier geht zu ihrer Schule. Sie sieht eher aus wie eine Pariserin. An ein Kopftuch als Haarschmuck scheint diese Rachida noch nie gedacht zu haben. Yamina Bachir Chouikh wohl auch nicht. Die Straßen sind belebt, trotzdem ist die Frau plötzlich ganz allein – umringt von jungen Männern, die ihr eine Tasche geben wollen. Mit der Tasche soll sie in die Schule gehen. Rachida wehrt sich. Niemals wird sie eine Bombe in ihre Schule tragen. Einer der jungen Männer erschießt die Lehrerin. Ungefähr so war es. So starb die Lehrerin Zakia Guessab in Algier. Im Film überlebt sie. Aus der wirklichen Zakia wird Rachida.

Ibtissem Djouadi spielt Rachida mit der Selbstverständlichkeit der Jugend, der nichts zustoßen kann. Und doch zieht die Angst ein in Rachidas Seele. Nicht die Gewalt zeigt der Film. Aber er zeigt ihre Spuren. In Algier konnte Rachida nicht bleiben, sie flieht in die Sicherheit eines kleinen Dorfes. Sicherheit?

Auf die Gewalt schaut man von außen. Die Angst aber kommt von innen. Sie ist ein Übertragungsphänomen. Das ist Yamina Bachir Chouikhs Trick. Durch den Fremdheits-Schleier der Angst sieht Rachida wie zum ersten Mal die Anmut und Poesie des Landes und seiner Menschen. Auch Heimat ist manchmal ein Übertragungsphänomen. (OmU in den Kinos fsk, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos).

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