Kultur : „Schurke“ klingt doch noch viel zu nett

Verbrecher, Metzger, Pädagogen: Französische Stimmen zur Rolle Europas in der Irak-Krise – eine Presseschau

Roman Luckscheiter

Mit seiner Friedenspolitik macht sich der französische Staatspräsident zu Hause fast nur Freunde in den Medien. Schon wird ihm historische Größe attestiert: Starkolumnist Alain Duhamel ging in der Tageszeitung „Libération“ gar so weit, seinem Staatschef ein weiteres Veto zu empfehlen – dann nämlich, wenn wieder über die Erweiterung der EU abgestimmt werde. Wenn diese zu einem Kniefall vor Bush führen wird, so fragt Duhamel, warum sollte man sie fördern?

Für einiges Aufsehen sorgt ein neues Buch des Philosophen Jacques Derrida, der sich Gedanken zum Begriff der „Schurkenstaaten“ gemacht hat und zu dem Schluss kommt, dass die größten Schurken doch wohl die Amerikaner selbst seien. Schließlich pflegten sie ein hybrides Verständnis demokratischer Souveränität, missbrauchten den Sicherheitsrat als Bestätigungsorgan für ihre Macht des Stärkeren und hätten weltweit Hunderttausende von Opfern auf ihrem Gewissen. Als das Buch in der Fernsehsendung „Campus“ vorgestellt wurde, konnte Alain Finkielkraut, auch er Philosoph, sich nur ein Kopfschütteln der Fassungslosigkeit abringen: Die Bezeichnung „Schurke“ sei ja noch viel zu nett für die anvisierten Diktaturen; wer wie Derrida die Verbrecher aber in Nordamerika am Werke sehe, beweise lediglich, dass er nicht mehr in der Realität lebe.

Der Vorwurf, die USA hegten ihre Kriegspläne nur aus Interesse am Ölmarkt in der Golfregion, hat den Grünen-Abgeordneten Yves Cochet in „Le Monde“ wiederum über die Schizophrenie seiner Mitstreiter grübeln lassen. Auf der Friedensdemonstration habe er sich gefragt, wer von den Pazifisten bereit wäre, auf sein Auto zu verzichten, um dazu beizutragen, dass für Öl kein Blut mehr vergossen werden müsse. George W. Bush könnte sich vor dem Hintergrund dieser Frage geradezu als Held für die Ökologiebewegung herausstellen, so Cochet. Das freilich ist ironisch gemeint.

Pathetisch will es dagegen der Präsident der Bewegung „Anwälte ohne Grenzen“, G.W.Goldnadel, verstanden wissen, wenn er sich im „Figaro“ das Recht erstreitet, auch einmal pro Amerika zu sein. Unfairerweise gelte es als Ausweis größter Naivität, wenn man sich öffentlich zur Position Washingtons bekenne. Der traditionelle Antiamerikanismus habe den Blick dafür getrübt, dass man Europa ohne den mächtigen Sicherheitsgaranten schlicht vergessen könne.

Das Recht, den wohlfeilen Diskurs zum idealen Frieden zu durchbrechen, hat sich nun auch der Philosoph André Glucksmann erkämpft, der schon mit einem Essay zum 11. September gegen den Mainstream der Terroranalysen geschwommen war. Er hat eine geharnischte Attacke gegen die französische Position im Irak-Konflikt verfasst und jetzt in der in Paris produzierten „International Herald Tribune“ veröffentlicht. Natürlich solle niemand den amerikanischen Strategen einen Blanko-Scheck ausfüllen; doch mindestens ebenso unverantwortlich handle die aktuelle Pariser Politik, wenn sie mit dubiosen Partnern ihr eigenes Süppchen koche. „Fünf Kardinalsünden“ zählt Glucksmann auf:

1. Indem Chirac mit Putin eine „Allianz des Friedens“ geschlossen habe, nachdem 18 europäische Staaten sich an die Seite der USA gestellt hatten, habe er Zentraleuropa wieder „unter den Stiefel“ von „Big Brother Russland“ gestellt. Das innerhalb Europas minoritäre deutsch-französische Duo, das sich dabei stolz als das „alte Europa“ präsentiere, beweise dabei nur, dass es sich in Fragen von Arroganz und Unilateralismus durchaus mit Amerika messen lassen könne.

2. Sich mit Russland, China und Syrien im Namen eines Friedensplans zusammen zu tun, sei ein moralischer Skandal. Glucksmann erinnert an den Genozid in Tschetschenien und wundert sich (nicht wirklich), dass sich ausgerechnet „Metzger“ wie Gaddafi vom „Friedenscamp“ angezogen fühlten.

3. Das Argument von Schröder und Chirac, man dürfe keine Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung betreiben, nennt Glucksmann demagogisch; es vermittle den Eindruck, die Regierungen von London, Madrid, Prag, Sofia oder Warschau seien nicht in gleichem Maße legitimiert wie die in Bonn oder Paris, wo man sich offenbar nur von Umfragen leiten lassen wolle.

Die Punkte vier und fünf fassen die Vergehen des Saddam Hussein zusammen und kontrastieren sie mit der Haltung von Paris und Berlin: „machtlos, blind, abwartend“. Bisher ist es still um André Glucksmann.

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