Kultur : Schwärzestes Schwarz

NAME

Die Schwetzinger Festspiele haben eine Uraufführungstradition. 1961 wurde hier Henzes „Elegie für junge Liebende“ mit Fischer-Dieskau kreiert. In diesem Jahr feiert das Festival sein 50-jähriges Bestehen. Vor dem Rokokotheater versammelt sich ein Publikum, wie es seit jeher dazuzugehören scheint: Ein trautes Bild von Geselligkeit im Park, ehe die Vorstellung beginnt.

Dann dominiert das „schwärzeste Schwarz“ der Nacht. „Blut fordert Blut“, sagt Macbeth zu seiner Lady. Wörtlich hat Salvatore Sciarrino Texte aus Shakespeares letzter großer Tragödie übernommen. „Drei nlose Akte“ unterschreibt er seinen „Macbeth“, ein weiteres „Theater der Archetypen“, das der Sizilianer seit längerem kultiviert. Die Zeitgenössische Oper Berlin plant im Herbst „Luci mie tradici“ herauszubringen, ein Werk, das als „Die tödliche Blume“ 1998 in Schwetzingen Premiere hatte und bereits als Studioproduktion vorliegt, während Sciarrinos „Lohengrin“ im vorigen Jahr das Berliner Hebbel-Theater erobert hat.

Reduktion ist Prinzip. Kein Faltenwurf, keine Kantilene. Im „Macbeth“ spielt das Ensemble von 28 Instrumentalisten eine „Hörlandschaft“. Wundersame Flageoletts und Klappengeräusche, gedämpfte, verfremdete, oszillierende Klänge – in der Andeutung zeigt sich der Meister. Freilich in einer Andeutung, die in die Tiefe geht. Johannes Debus und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR folgen den detaillierten Spielanweisungen so konzentriert, dass jeder Instrumentalton in seiner Qualität fühlbar wird. Melodieinstrumente führen das Wort, während auffällt, dass Sciarrino mit dem Schlagwerk, das die Partitur zahlreich verlangt, noch sparsamer umgeht.

Das Stück ist ein skelettierter „Macbeth“ mit abweichendem Finale: Macduff übernimmt die Macht anstelle des rechtmäßigen Thronerben Malcolm, der ein Sohn des ermordeten Königs Duncan ist. Mehr noch als Verdi setzt Sciarrino die Kenntnis der dramatischen Entwicklungen und der handelnden Personen voraus, um den immer wiederkehrenden Fluss der Ereignisse zu spiegeln. Macduff ist der schottische Edle, dessen Familie von Macbeth ausgelöscht wird. Großbogig, symmetrisch heißt es bei Sciarrino: Macbeth mordet, wird König, mordet weiter, bis Macduff zum Mörder und König wird: „Es geht in dieser Oper nicht um einige bestimmte Bluttaten, sondern um alle Toten und alle Bluttaten.“

Der Duncan des ersten Akts ist der Macduff des letzten. So will es die Besetzungsliste, die von dem ewigen Kreislauf der Verbrechen ausgeht. Anfang und Ende sind identisch, mit vertauschten Personen. Ein Gedicht von Hegel bildet den „Abschied“, während es bei Shakespeare trügerisch heißt: „Die Welt ist frei“. Zu „Stimmen“ verallgemeinert sind die Hexen, auch der Arzt und die Kammerfrau um die kranke Lady: Annette Stricker singt die klagenden Einzeltöne, die wie mit bewegten Pinselstrichen weggewischt werden, als faszinierend ruhigen Monolog. Wahnsinn gebiert Monotonie. Otto Katzameier erzeugt mit leichter Stimme die verhetzten, flüchtigen Intervalle des Macbeth.

Das verschwiegene Musiktheater trägt die Handschrift Achim Freyers. Wie mit Kreide auf schwarzem Grund gemalt, nimmt sein Bühnenbild die Bogenformen des Schwetzinger Schlosses in sich auf. Als sichtbares Zeichen für unsichtbare Gräueltaten steht das überdimensionale Schwert. Mann und Frau und Mord – der Regisseur hat seine unverwechselbaren Theatermittel, und der Zuschauer darf staunen, weil sie die Schwerkraft aufheben. Schweben, Ausblenden, Vorzeigen, Erklären: Freyer, der schon manchen Uraufführungen – siehe Lachenmann oder Schnebel – zu ihrer kraftspendenden Taufe verholfen hat, prägt auch diesen neuen Sciarrino. Es ist ein „Macbeth“, der mit seinem Eigenton neben der prominenten Verdi-Vertonung bestehen könnte. Übrigens zitiert der Italiener seinen großen Landsmann und zudem ein Stückchen aus Mozarts „Don Giovanni“, wenn der Geist des ermordeten Banquo die musikalischen Väter beschwört. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben