Kultur : Schwarzes Wasser

Trauma Kindheit: Clint Eastwoods „Mystic River“

Christian Schröder

Die Kindheit von Dave, Jimmy und Sean endete an dem Tag, als eine schwarze Limousine in ihre Siedlung einbog. In dem Auto saßen zwei Männer, die sich als Polizisten ausgaben. Dave, Jimmy und Sean erinnern sich an jedes einzelne Detail: das goldene Kreuz am Ring des Beifahrers, sein Grinsen, als er sich nach hinten drehte, das Knirschen der Ledersitze. Es sind überscharfe Bilder wie aus einem Alptraum. Vom Rest dieses Tages und den folgenden Wochen blieb nur eine Schwarzblende.

Die Männer nahmen Dave mit, einen endlos langen Moment haben Jimmy und Sean ihm hinterhergeschaut, bis er in dem schwarzen Auto aus der Straße verschwunden war. Dave wurde in einen Keller gesperrt und drei Tage lang vergewaltigt. Am Ende konnte er fliehen, aber dem Schrecken dieser Stunden entkam er nie. „Er lebte in einer Welt, die die anderen nie sahen“, sagt er später über sich selber. „Er war der Mann, der den Wölfen weggerannt ist.“

„Mystic River“ spielt in Boston – doch Galaxien entfernt von jenem Boston, das man aus dem Kino kennt. In East Buckingham stehen keine Backsteinvillen von Nachkommen der „Mayflower“-Pioniere, hier verrotten die Hochhäuser der Arbeiterklasse. Einen blauen Himmel sieht man den ganzen Film über nicht, der Mystic River heißt tatsächlich so, sein Wasser ist schwarz wie die Rückseite eines Spiegels. Der unergründliche, langsame Fluss ist eine perfekte Metapher für die unbewältigten Verbrechen der Vergangenheit. 25 Jahre nach der Entführung treffen Jimmy, Sean und Dave erneut aufeinander, sie sind – man kennt das seit Euripides – schicksalhaft miteinander verstrickt. Als die 19-jährige Tochter von Jimmy (Sean Penn) ermordet wird, übernimmt der zum Polizeiinspektor aufgestiegene Sean (Kevin Bacon) den Fall. Dave (Tim Robbins) ist in der Mordnacht blutüberströmt nach Hause gekommen, er könnte der Mörder sein. Verdächtig macht ihn auch, dass er mitunter wirres Zeug redet: „Es ist wie mit den Vampiren, wenn es einmal in dir drin ist, wirst du es nie wieder los.“

Regisseur Clint Eastwood ist ein Entschleunigungskünstler. Während sich anderswo in Hollywood die Zahl der Schnitte und der Takt der Explosionen ständig erhöht, wird er beim Inszenieren immer genauer. Eastwood lässt seinen Geschichten Zeit, sich aus einem Ort und der Konstellation der Figuren zu entwickeln. Für die Auswirkung der Gewalt auf ihre Opfer interessiert sich der ehemalige „Dirty Harry“-Darsteller inzwischen mehr als für die Action selbst. Aber er neigt auch zu Überdeutlichkeit und zu Wiederholungen. „Mystic River“, seinen 24. Film als Regisseur, hat er nicht nur inszeniert und produziert, er komponierte auch den Soundtrack – aufgenommen natürlich mit dem Boston Symphony Orchestra. Neben den Außenaufnahmen wurden auch sämtliche Studiomotive vor Ort gedreht.

Der Wille zur größtmöglichen Authentizität ist dem nach einem Bestseller von Dennis Lehane entstandenen Film anzusehen, er gibt den Bildern ihre Erdenschwere. Dass „Mystic River“ Eastwoods bester Film seit dem Rührstück „Die Brücken am Fluss“ (1996), vielleicht sogar seit dem Rachewestern „Erbarmungslos“ (1993) wurde, hat noch einen Grund: die exzellente Besetzung. Tim Robbins spielt den Verdächtigen, auf dem ein schweres Trauma lastet, mit fiebriger Unruhe. Kevin Bacon verliert als Bulle nur dann sein Pokerface, wenn seine weggelaufene Frau anruft, um ihn doch wieder nur am Telefon anzuschweigen.

Vor allem aber gehört „Mystic River“ Sean Penn. Er betreibt mit seiner Familie den „Cottage Market“, einen kleinen Lebensmittelladen, früher war er der Anführer einer Gang. Eine Doppelexistenz: Kleinbürger und Krimineller. Beim ersten Verhör, er hat in der Pathologie gerade die Leiche seiner Tochter identifiziert, krümmt sich Jimmy vor Schmerz und Trauer. Ihm hat das Leben hart mitgespielt, deshalb beschließt er, sich mit aller Härte zu wehren. Unaufhaltbar wie ein Zug, der auf dem falschen Gleis unterwegs ist, läuft die Handlung auf eine Tragödie zu. Mehr als eine Stunde lang erzählt Eastwood mit kühler Präzision, die letzten 20 Minuten sind mit Pathos überladen. Schuld und Sühne: ein ewiger Kreislauf. „In Wirklichkeit sind wir alle drei als 11-jährige Jungs in diesen dunklen Keller eingesperrt worden“, sagt Dave einmal. „Wir fragen uns, wie unser Leben weitergegangen wäre, wenn wir entkommen wären.“

Cinemaxx Potsdamer Platz. Filmkunst 66, FT Friedrichshain,Kulturbrauerei, Neues Off; OV im Odeon und Cinestar Sony Center

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