Schwarzmeer-Doku „Tristia“ : Schweinkram am Schwarzen Meer

Auf den Spuren Ovids: Mit der Dokumentation "Tristia" begibt sich der polnische Regisseur Stanislaw Mucha auf eine filmische Schwarzmeer-Odyssee.

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Schnappschuss aus Ovidipol.
Schnappschuss aus Ovidipol.Foto: Mfa Film

Ovid war kein Fan des Schwarzen Meeres. Aus der Heimat verbannt, fristete der römische Dichter seine letzten Jahre im Küstenstädtchen Tomis. In Briefen bejammerte Ovid sein Exilschicksal, verfluchte das Klima, das Essen und die „barbarischen“ Völker, bei denen er leben musste. „Tristia“, Klagelieder, nannte Ovid diese Dichtungen, die der Schwarzmeerregion frühen – und zweifelhaften – literarischen Ruhm bescherten.

Ebenfalls „Tristia“ heißt eine filmische Schwarzmeerumrundung, die der polnische, in Deutschland arbeitende Regisseur Stanislaw Mucha mit zwei Ovid-Denkmälern beginnen und enden lässt. Das eine schmückt die westukrainische Küstenstadt Ovidiopol, das andere Ovids Verbannungsort, das heutige Constanta in Rumänien. Zwischen beiden Statuen umrundet Mucha im Uhrzeigersinn das Schwarze Meer mit seinen sechseinhalb Anrainerstaaten: Auf die Ukraine folgen Russland, das international nicht anerkannte Abchasien, Georgien, die Türkei, Bulgarien – und schließlich Rumänien.

Jede Panne bereichert die Reise

Dass der Weg dabei das Ziel ist und jede Panne das Reiseerlebnis bereichert, wird gleich klar, als der Kleinbus des Filmteams im sumpfigen Donaudelta stecken bleibt. Zwei Männer ziehen das Fahrzeug per Abschleppseil aus der Patsche, als Lohn fordern sie Bier. Die Sonne brennt, die Mücken surren, das Meer ist nicht schwarz, sondern berückend blau. Geht gut los, diese Reise.

In der nächstgelegenen Stadt weiß eine ukrainische Marktfrau zu berichten, Ovid sei aus Rom verbannt worden, weil er „Schweinkram“ geschrieben habe. Der Regisseur fragt unschuldig nach, ob der Dichter denn Frauen oder Knaben bevorzugt habe – und tritt damit ein philosophisches Streitgespräch über Homosexualität in Ost und West los. Diesem schwarzhumorigen Ton bleibt der Regisseur treu: Stanislaw Mucha reist im Stil eines heiteren Herodot, dem erzählerische Originalität im Zweifel über historische Faktentreue geht.

Blick für osteuropäische Skurrilitäten

Immer wieder beweisen er und sein Kameramann Andrzej Krol dabei jenen Blick für osteuropäische Skurrilitäten, der 2004 auch schon „Die Mitte“ prägte, Muchas filmische Suche nach dem Zentrum Europas. Unvergesslich die Szene auf der Krim (zum Drehzeitpunkt noch ukrainisch), in der eine dicke Bikini-Babuschka durch die Uferbrandung treibt, auf den Lippen ein Lied über das Schwarze Meer. Am bulgarischen Strand werden derweil Botoxspritzen verkauft, während in Rumänien ein Händler das mythische Goldene Vlies feilbietet (das allerdings schwer nach räudigem Hundefell aussieht). Russische Fischer behaupten, dass türkische Fischer das Meer leer fischen, türkische Frauen dagegen sind sauer auf russische Frauen, weil die ihnen die Männer wegfischen.

Als das finale Ovid-Denkmal erreicht ist, sind dem Zuschauer die „barbarischen“ Meeresanrainer ans Herz gewachsen. Denn so malerisch melancholisch auch mancher Strandabschnitt vor sich hingammelt: Wirklich trist ist in „Tristia“ nur der Filmtitel.

Filmkunst 66; OmU: Hackesche Höfe, fsk am Oranienplatz, Krokodil

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