Kultur : Schwarzwaldmädels Vater

JAN GYMPEL

Die Welt ist heil, immer scheint die Sonne über liebliche Hügel, das Brauchtum wird gepflegt, junge Leute begeistern sich für Ältere, Heimatvertriebene werden problemlos integriert und als Gipfel des Glücks gibt es einen Freßkorb und - unsagbarer Luxus - einen VW-Käfer zu gewinnen: Wer sich heute nicht mehr vorzustellen vermag, welche Wirkung "Schwarzwaldmädel" 1950 auf die Menschen ausübte, die allgegenwärtige Trümmer ebenso leid waren wie "Trümmerfilme", kann es am Erfolg dieses Streifens ablesen.Der erste westdeutsche Nachkriegsfarbfilm - gedreht auf aus der Ostzone geschmuggeltem Agfacolor-Material - lockte mit sechzehn Millionen Zuschauer so viele ins Kino wie heute "Titanic" und trat die Welle der "Heimatfilme" los.Sein Regisseur avancierte zum "Fachmann für Optimismus", wie es damals hieß: "Hans Deppe putzt das Leben blank."

Mit halbjähriger Verspätung widmet jetzt das Schwule Museum dem wohl nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Erfolge weitgehend vergessenen Deppe eine Hommage zu seinem hundertsten Geburtstag: Schlaglichter aus Plakaten, Photos, Erinnerungen von Zeitgenossen und Zeitungsartikeln - zu denen leider Quellenangaben fehlen - auf eine Karriere, die in ihrer Bruchlosigkeit über Brüche deutscher Geschichte hinweg bizarr, aber auch symptomatisch ist.Schon mit sechzehn bestand Hans die Schauspielprüfung, wurde am Wiener Reinhardt-Seminar ausgebildet und 1921 ans Deutsche Theater seiner Heimatstadt Berlin engagiert.In den Folgejahren galt Deppe als hoffnungsvoller Regisseur, Schauspieler, Kabarettist.Er agierte - meist in Nebenrollen - in Filmen wie "Berlin Alexanderplatz" oder Friedrich Hollaenders einziger Regiearbeit "Ich und die Kaiserin".Mit Werner Finck und Rudolf Platte gründete Deppe das vor allem wegen Fincks Attacken auf die Nazis berühmt gewordene Kabarett "Die Katakombe" und war ebenfalls 1928 an der Bildung der "Gruppe junger Schauspieler" beteiligt, die als erstes deutsches Ensemble die Sowjetunion bereiste.

Das alles vereitelte jedoch nicht die Fortsetzung seiner Karriere im "Dritten Reich": 1933 konnte er bei der Adaption von Storms "Schimmelreiter" seine erste Filmregie übernehmen.Ebenso wenig stand der Karriere offenbar im Wege, daß den neuen Herren Deppes Homosexualität bekannt war.Politische Probleme oder Ärger wegen seiner "Neigung" hatte Deppe auch nach dem Krieg nicht, er drehte nun für die Defa, trat aber auch wieder als Kabarettist auf, so in Günter Neumanns berühmter Revue "Schwarzer Jahrmarkt" und in deren Kinoversion "Berliner Ballade".Seine produktivste Zeit als Regisseur begann mit der Bundesrepublik: Deppe, der mehr Heimatfilme inszenierte als irgendein anderer, läutete die Phase jenes äußerst seichten und meist schludrig gemachten Kintopps ein, der die Adenauer-Ära prägte.Seine Arbeitsweise und der Umstand, daß er dieser zum Trotz Erfolg hatte und gefragt war, können als Beispiel dafür dienen, was damals im bundesdeutschen Kino im Argen lag: Wenn ihm Dreharbeiten zu anstrengend wurden, erklärte der Regisseur sich kurzerhand für krank und ließ einen anderen weiterdrehen.Gern griff er dabei auf Erik Ode zurück, der sich erinnerte: "Als Schauspieler verkaufte sich Deppe weit unter Wert, und als Filmregisseur fertigte er in seinen letzten Jahren leider geradezu schauerliche Werke an." Seine Version von "Land des Lächelns" ("Das Schlimmste an Operette, was ich jemals gesehen hatte") drehte Ode 1952 dennoch fertig - unter der Bedingung, daß sein Name nicht genannt werde.

Anfang der sechziger Jahre war mit dem Nachkriegs-Kinoboom auch Deppes Karriere als Kinoregisseur und -produzent am Ende.Er arbeitete fürs Fernsehen, stand wieder auf der Bühne - so 1966 in Hans Lietzaus Berliner Erstaufführung von "Seid nett zu Mr.Sloane" - und widmete sich vor allem dem Marionettenspiel, dem seine Leidenschaft gegolten haben soll.In sein Zehlendorfer Haus hatte er sich eigens ein solches Theater einbauen lassen.1969 starb Hans Deppe in Berlin.

Schwules Museum, Mehringdamm 61, bis 30.August.Mi bis So 14 - 18 Uhr.

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