Kultur : Schweigen ist Blech

Silvia Hallensleben

Stars sind nicht alles. Filme bleiben. Zum Beispiel jene von Arthur Penn, der soeben auf der Berlinale geehrt wurde. Wie schön, dass das Lichtblick-Kino diese Woche vier Filme des Independent-Urgesteins noch einmal zeigt – allerdings bis auf Bonnie & Clyde nur in deutscher Synchronfassung (www.lichtblick-kino.org).

Ein Forums-Bekannter aus früheren Jahren, Avi Mograbi aus Israel, eröffnet heute im Arsenal eine umfassende Werkschau: Wie alle seine Filme kreist sein neuester, Avenge but one of my two Eyes , um den israelisch-palästinensischen Konflikt, wie immer bringt er auch die eigene Person kräftig ins Spiel, was ihm den Ruf eines israelischen Michael Moore eingetragen hat. Diesmal reist Mograbi zu einem mythischen Ort jüdischer Geschichte – in der Festung von Masada hatten sich in frühchristlicher Zeit die Aufständischen gegenseitig getötet, um nicht den Römern in die Hände zu fallen. Heute werden hier israelische Schulklassen auf Heldentum eingestellt, die Bezüge zur aktuellen Situation im Nahen Osten drängen sich auf. Die heutigen Festungen sind stacheldrahtgesicherte Wachtürme an den Checkpoints – doch das Gespräch mit den Soldaten scheitert an militärischen Denkmustern, denen Filmkameras sowieso verdächtig sind.

Mit heftiger Abwehr gegen den kamerabewehrten Eindringling beginnt auch ein Dokumentarfilm von Raymond Depardon von Anfang der achtziger Jahre. „Schämen Sie sich, dies ist ein Krankenhaus, gehen Sie!“, drängt jemand den Filmemacher zur Tür hinaus. Tatsächlich sind wir in einer Nervenklinik – doch bald bewegt sich Depardons Kamera mit großer Virtuosität durch die weitläufigen Flure des Ospedale von San Clemente in der venezianischen Lagune. Immer wieder kommt es zu spontanen, auch positiven Reaktionen der Kranken. Heimlichtuerei gibt es hier nicht; dafür durchweht ein Wind des Umbruchs die alten Anstaltsgemäuer. San Clemente (1982) wurde kurz nach Einführung der Lex Basaglia gedreht, die die Abschaffung der berüchtigten italienischen Irrenhäuser verfügte. Depardons Psychiatriefilm in Schwarzweiß macht heute den Auftakt einer Reihe von Filmen im Zeughaus-Kino, die sich der immer rarer werdenen Kunst der kinematografischen Institutionenbeschreibung widmen.

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