Schweiz : Wilhelm Tell von Maler attackiert

Fähnli und Feuerwerk – zur Bundesfeier Anfang August gedachte die Schweiz allerorten der Gründung ihrer Eidgenossenschaft. Doch nicht jeder bejubelt die historischen Ereignisse: Ein Schweizer Maler attackiert Wilhelm Tell.

Maris Hubschmid

In der Galerie Wernicke und Hasshoff präsentiert Adam Tellmeister mit der „Rütlifeier im Berliner Hinterzimmer“ seine persönliche Interpretation der Geschichte. Die großformatigen Zeichnungen sind provokant. Napoleon befiehlt Frau Helvetia seine Verfassung, Schiller zerrt an kleinen Jungen. Eine Darstellung zeigt Wilhelm Tell mit erigiertem Glied im Gesicht des eigenen Sohnes. „Auf ein Kind schießen, das ist Missbrauch“, sagt Tellmeister.

Tell ist für ihn „eine Metapher für Widerstand, ein Freiheitssymbol, aber kein unbeflecktes.“ Der Künstler will es „entleeren und neu positionieren“. In seiner Ausstellung hängt darum „Schweizer Blut“ in Gefrierbeuteln. Tellmeister hat sogar einen Antrag auf Trennung des Wilhelm Tell-Denkmals in Altdorf gestellt. „Der kleine Walter himmelt den Vater immer noch an. Das geht nicht“, sagt er. In seinen Augen wird damit die Kindesmisshandlung glorifiziert. Auch Strafanzeige will er stellen, rückwirkend gegen den Nationalhelden, wegen versuchter Kindstötung.

Tellmeister wuchs als Adam Meister im Emmental auf, verweigerte 1986 den Kriegsdienst und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Er floh ins Ausland, forderte Asyl, aber niemand nahm ihn ernst. In Deutschland lief sein Pass aus. So wurde Meister zum Illegalen, ein Hausbesetzer am Prenzlauer Berg. Dort lebt er noch heute. Letztes Jahr hat der Querulant endlich einen Ausweis bekommen. Er hat ihn zerschnitten, den biometrischen Chip entfernt. Auf „so einem Ding“ will er sich „nicht typisieren lassen“. Aus der lang ersehnten Rückkehr in die Heimat wird vorerst nichts. Maris Hubschmid

„Rütlifeier im Berliner Hinterzimmer“, Galerie Wernicke und Hasshoff, Immanuelkirchstraße 21, bis 13. August, Mo-Sa 14-18 Uhr. Weitere Informationen unter www.adamtellmeister.ch

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