Kultur : Schwerter zu Essstäbchen

FORUM & PANORAMA „Love & Honor“ und „Cain’s Descendant“ aus Japan

Sebastian Handke

Shinnojo Minura ist Samurai, und als solcher hat man Pflichten am Hof. Minuras Amt ist das eines Vorkosters: Jeden Tag reiht er sich mit vier weiteren Samurai in einer dunklen Kammer auf und bekommt dort sein Portiönchen serviert. „Und, was hattest du heute?“ fragt der eine schmatzend. „Rapsblüten an Tofu“, antwortet ein anderer. Und wenn dann keiner umfällt, wird das Geschirr eilig zum Herrn getragen, und die Männer pendeln wieder nach Hause. Gewiss, sehr heldenhaft ist sein Tagesdienst nicht, doch Minura erfüllt ihn mit gebotenem Ernst. Denn ein Samurai ist eins mit seiner Pflicht – und sei es, dass er die beiden Schwerter gegen zwei Essstäbchen tauschen muss.

Dreißig Jahre lang setzte Yoji Yamada für das japanische Großstudio Shochiku 48 Episoden der sentimental-komischen „Tora-San“-Filmreihe in Szene. Dann wandte er sich plötzlich dem Samurai- Genre zu – und entblätterte den Mythos, bis nur noch die karge Substanz eines persönlichen Dramas übrig blieb. Yamadas altersweiser Blick auf die Heldenklassik Japans ist nicht nur für seinen Realismus bemerkenswert, sondern für den Versuch, den aller Samurai-Dichtung zugrunde liegenden Widerstreit von Giri (Treuepflicht) und Ninjo (Menschlichkeit) an das Private anzubinden: In seinen Endzeit-Eastern „Twilight Samurai“ und „Hidden Blade“ zeigte er den Samurai in Armut, sozialen Zwängen und beruflicher Stagnation, erfüllt vor allem von Alltagsmüdigkeit.

„Love & Honor“ ähnelt den beiden Vorgängern, ist zugleich aber das schlichteste Stück in Yamadas nun abgeschlossener Trilogie. Denn es wirft den Samurai auf sich selbst zurück: Minura vergiftet sich und erblindet. Von Armut bedroht, gibt sich seine Frau Kayo (Rei Dan) dem mächtigen Samurai Shimada hin (Mitsugoro Bando). Als der Blinde das erfährt, verstößt er seine Frau – und fordert den überlegenen Schwertkämpfer zum Duell.

Dieses eher verhaltene Kammerspiel wurde in Japan zum Hit – auch dank des jungen weiblichen Publikums, das in die Kinos strömte, um den Hauptdarsteller zu sehen: Takuya Kimura, „schönster Mann Japans“ und ehemals Mitglied der Boygroup SMAP. Dem Film hat diese Besetzung nicht geschadet. „Love & Honor“ist ein Alterswerk geworden in seiner allerbesten Form: Kein Bild und keine Geste sind zu viel in diesem Heldenlied, das zwar traurig klingt und ein wenig erschöpft, aber zugleich konzentriert, hell, klar und schön.

Der Kontrast zwischen Altmeister und Jungtalent – deutlicher könnte er nicht ausfallen als zwischen Yamadas elegantem Epos und Oku Shutaros verwirrendem, teils nur mit einer Glühbirne ausgeleuchtetem Finsterstück „Cain’s Descendant“. Ein junger Mann kommt nach Kawasaki – ehemaliges Zentrum des Nachkriegsaufschwungs, heute ein gottverlassenes Loch. Nach zehn Jahren Jugendhaft will Munekata (Watanabe Kazushi) als Fabriklöter hier eine Nische finden. Doch das Kainsmal des Mörders gestattet ihm keinen Frieden: schon ist er eingekeilt in einen albtraumhaften Mikrokosmos, aus dem er nicht wieder herausfinden wird.

Matsumura (Taguchi Tomorowo), Priester der „Semi Evangelical Church“, bringt ihn dazu, Fernbedienungen in Schusswaffen zu verwandeln, und seine gewissenhafte Arbeit daran führt zur Katastrophe. Zwischen Industrieschmutz, triebhaftem Sex und diffuser Religionssymbolik entwirft Oku Shutaro ein trostloses Gleichnis von der Schuld – und vom Menschen, der keinen Platz findet in der selbstgemachten Hölle.

„Love & Honor“ (Bushi no Ichibun): heute, 19 Uhr (Zoo-Palast), 10. 2., 10.30 Uhr (CinemaxX 7), 14. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7 & 8), 15. 2., 14.30 Uhr (International); „Cain’s Descendant“ (Kain no matsuei): 14. 2., 20 Uhr (Cubix), 15. 2., 21.45 Uhr (Delphi), 7. 2., 12. 30 Uhr (Cinestar 8)

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