Kultur : Schwindeleien

Heute in Berlin: Tim Parks mit seinem Roman „Doppelleben“

Sybille Salewski

Fast zwanzig Jahre ist Richter Daniel Savage verheiratet, immer wieder hat er seine Frau betrogen, mit Kolleginnen und Ehefrauen guter Freunde, einmal auch mit einer jungen koreanischen Geschworenen. Eines Tages erfährt auch seine Frau Hilary von einer dieser Affären. Er zieht für einige Wochen aus, und dann wird doch alles gut: Das Paar rauft sich zusammen, er wird befördert, zum Richter seiner Majestät. Die Eheleute kaufen ein neues Haus auf dem Land, einen Steinway-Flügel. Die Krise ist überwunden. das ruhige Glück kann beginnen. „Endlich herrscht Klarheit, die Zeit der Metamorphosen ist vorbei. Ich habe mich selbst gefunden“, schreibt Savage in sein Tagebuch. Doch die Vergangenheit ist nicht gebannt. Die koreanische Geschworene ruft eines Tages verzweifelt an: Ihre Familie bedrohe sie. Savage will sich kümmern und tut damit den ersten unseligen Schritt.

„Doppelleben“, der elfte Roman von Tim Parks, belebt die alten Themen des Briten neu: die beklemmenden Strukturen der bürgerlichen Familie, das feine Netzwerk ehelicher Vertrautheit und Entfremdung, der Mann, in dessen Kopf sich die Welt immer stärker zu drehen anfängt, bis der Schwindel unerträglich wird. (Aus dem Englischen von Michael Schulte. Verlag Antje Kunstmann, München 2003. 430 Seiten, 24,90 €). In Großbritannien ist der 49-Jährige inzwischen ein Beststellerautor. Dabei wollte keiner die ersten Romane des Sohns eines anglikanischen Pfarrers aus Manchester drucken. Dann bekam er Preise, darunter den Somerset Maugham Award für seinen 1985 erschienenen Roman „Flammenzungen“. Seit über 20 Jahren lebt er mit seiner italienischen Frau und drei Kindern in Verona und unterrichtet an der Universität von Mailand literarisches Übersetzen.

„Doppelleben“ ist mehr als das Psychogramm eines Familienvaters und begabten Richters, es ist zugleich das eindringliche Portrait einer kleinen englischen Industriestadt und der Probleme ihrer multikulturellen Bevölkerung. Daniel Savage gehört zur oberen Mittelklasse, sein Akzent verrät die gute Erziehung. Es gibt nur einen Unterschied: Richter Savage ist schwarz. „Mandelfarben“, schreibt Parks. Gleich nach der Geburt hat ihn eine gut bürgerliche weiße Familie adoptiert. Wie sehr haben ihn Rassismus und politische Korrektheit zu dem gemacht, der er ist, fragt sich Savage: Er ist der erste schwarze Richter der Gegend, aber befördert, so suggeriert sein dabei übergangener Anwalts-Freund Martin, hat man ihn vor allem wegen seiner Hautfarbe.

Tim Parks ist eine Stilist von Rang, stets probiert er neue Erzählperspektiven aus. In den Romanen „Europa“ und „Schicksal“ zeigte Parks sich als Meister, aus dem Bewusstsein seiner Protagonisten heraus zu erzählen. In „Doppelleben“ entwickelt er dieses Verfahren weiter. Das Tempo der beiden letzten Romane ist deutlich reduziert, Parks erzählt gemächlicher, Anführungszeichen fehlen gänzlich, innerhalb eines Satzes wechselt Parks von der Ich-Perspektive in die dritte Person und wieder zurück.

Über weite Strecken liest sich „Doppelleben“ wie ein Kriminalroman. Doch wie in den Gerichtsprozessen, von denen Tim Parks berichtet, ist die entscheidende Frage, warum etwas passiert ist. Auf der Suche nach der Antwort verschiebt sich die Realität immer weiter. „Sogar die Vergangenheit, dachte er, kann jederzeit geändert oder wenigstens in einem anderen Licht gesehen werden“, sinniert Savage einmal. Dennoch ist er unfähig, seine eigene Situation zu ändern. Die unterschiedlichen Blickwinkel führen nur zu neuen Beschreibungen der Probleme. In diesen Bildern liegt die Stärke von „Doppelleben“.

Heute um 20 Uhr liest Tim Parks im British Council Berlin am Hackeschen Markt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar