Kultur : Scott Turow im Interview: Die Schattierungen von Grau

Sie sitzen in einer Kommission gegen die Todesstra

Scott Turow, 51, lebt als Anwalt in Chicago und ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Krimiautoren ("Aus Mangel an Beweisen"). Im Münchner Karl Blessing Verlag ist gerade sein Roman "Die Gierigen und die Gerechten" erschienen, der nun mit Dustin Hoffman verfilmt wird. Am Mittwoch berichtete er in Berlin vor der American Academy über seine Erfahrungen mit der Todesstrafe.

Sie sitzen in einer Kommission gegen die Todesstrafe, obwohl sie in Ihrem Heimatstaat Illinois gar nicht angewandt wird. Wie das?

Die Todesstrafe ist zwar gesetzlich erlaubt. Der Gouverneur hat sie aber für seine Amtszeit ausgesetzt. Er will seine Zustimmung zu einem Todesurteil verweigern, solange es Irrtümer gibt. Genau das ist das Problem. Es werden immer wieder Fehler gemacht. Deshalb hat er eine vierköpfige Kommission gebildet, die die Verfahren überprüfen soll.

Erhoffen Sie sich von dieser Tätigkeit Anstöße für Ihre Romane?

Natürlich interessiere ich mich als Autor für das Thema, vor allem aber betrifft es mich als Anwalt. Seit 1991 beschäftige ich mich damit. In zwei Fällen habe ich Urteile wieder rückgängig machen können. Im einen Fall ging es um zwei Männer, Rolando Cruz und Alex Hernandez. Sie wurden des Mordes an einem zehnjährigen Mädchen bezichtigt, das bei hellichtem Tag entführt, gequält, gefoltert und missbraucht wurde. Es war ziemlich klar, dass die beiden Männer absichtlich und fälschlicherweise beschuldigt wurden. Vielleicht glaubten die Polizei und die Staatsanwaltschaft wirklich, dass Cruz und Hernandez es getan hatten, aber sie hatten keine Beweise und logen. Es dauerte Jahre, das aufzudecken. Die beiden hatten bereits elf Jahre in der Todeszelle verbracht. Im anderen Fall ging es um einen 21-jährigen, nicht vorbestraften Mann namens Christopher Thomas. Er hatte gestanden, einen Mann bei einem Schusswechsel getötet zu haben. Es gab also keinen Zweifel an seiner Schuld. Aber die Todesstrafe war nicht angemessen. Es war kein Fall von geplantem Mord, sondern ein Streit gewesen, und es blieb unklar, ob der Täter angegriffen worden war. Meiner Meinung nach war er zum Tode verurteilt worden, weil seine Anwälte nichts taugten.

Und was ist mit jenen Fällen, in denen an der Schuld des Täters kein Zweifel besteht?

In Illinois wurde ein Mann namens John Gacy hingerichtet, der 35 junge Männer ermordet hat. Er hat sie betäubt, vergewaltigt und unter seinem Haus begraben. Da fällt es schwer, gegen die Todesstrafe zu argumentieren. Ich glaube nicht mal, dass die Menschen wollen, dass so jemand hingerichtet wird. Aber da geht es um die Botschaft, dass jemand, der so viel Leid angerichtet hat, auch entsprechend bestraft wird.

Wer interessiert sich mehr für die Todesstrafe, der Anwalt, der Autor oder das Kommissionsmitglied in Ihnen?

Alle drei gleichermaßen. Als Anwalt fasziniert mich das Thema schon lange, und ich schreibe jetzt auch einen Roman zum Thema. Es wird eine Geschichte, die zeigt, wo die Schwachstellen bei der Todesstrafe sind, ohne zu moralisieren. Für Westeuropäer ist es leicht, Amerika zu kritisieren, ohne die Abschreckungserfolge zu sehen. Man darf nicht vergessen, dass die Mordrate in Europa höher ist als die in Amerika.

Sind in Amerika vor dem Gesetz wirklich alle Menschen gleich?

Den Vielen Menschen die in Illinois zu Tode verurteilt wurden, hatten nur zwei die finanziellen Mittel, sich anständig verteidigen zu lassen. Einer war ein Geschäftsmann, der über einen Zeitraum von mehreren Jahren seine Familie umgebracht hat, seinen Vater, seine Frau und seinen Schwager. Er wurde verurteilt, aber es ging sozusagen mit rechten Dingen zu. Aber in den allermeisten Fällen ist davon nicht auszugehen. Viele Mörder kommen aus unteren Gesellschaftsschichten. Dann ist bei den Prozessen auch oft Rassismus im Spiel. Bemerkenswert ist, dass Weiße eher zum Tode verurteilt werden als Schwarze. Das liegt daran, dass das Leben eines Weißen immer noch mehr wert ist als das eines Schwarzen. Und da weiße Mörder eher weiße Opfer haben, werden sie härter bestraft als ein Schwarzer, der einen Schwarzen umbringt. Wer zum Beispiel eine weiße Schullehrerin umbringt, wird eher zum Tode verurteilt als der Mörder einer schwarzen Prostituierten.

Ist das deutsche Rechtssystem besser als das amerikanische?

Schwierige Frage. Anders als in Amerika gibt es in Deutschland keine Geschworenen. Ich bin kein großer Anhänger von Geschworenenurteilen. Aber ich bin auch kein Anhänger des Systems von Urteilen staatlicher Richter. Das Geschworenensystem begrenzt immerhin die Staatsmacht im Strafrecht. Andererseits basieren Geschworenenurteile häufig auf Vorurteilen. Wenn der Staatsanwalt Klage erhebt und ein staatlicher Richter urteilt, fällt es schwer, an die Unabhängigkeit beider zu glauben. Geschworene dagegen sind Zivilisten, die niemandem verpflichtet sind, aber sich leicht von Vorurteilen leiten und manipulieren lassen.

Sie haben Amerika eine Hinrichtungsgesellschaft genannt und bezeichnen die übermäßige Anwendung von Recht und Gesetz als Religionsersatz und die Anwälte als moderne Priester.

Wie man an der Todesstrafe sehen kann, sind wir gezwungen, unser Wertesystem in Frage zu stellen. In früheren Zeiten war die Kirche für Fragen der Moral und der Werte zuständig. Heute werden Streitfragen von Anwälten geregelt, die damit auch Werte festlegen. Insofern hat das Rechtssystem eine fast religiöse Bedeutung.

Glauben Sie an Recht und Gerechtigkeit?

Ja. In allen Fällen, die ich vertreten habe, ist es letztlich zu einem gerechten Urteil gekommen. Im Fall von Cruz und Hernandez allerdings bleiben elf Jahre Haft, die nicht wieder gut zu machen sind.

Gibt es denn eine gerechte Strafe?

Es kommt darauf an. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, was gerecht ist. Ein Christ, der nicht töten darf, kann auch eine staatliche Hinrichtung nicht als gerecht empfinden. Dennoch verteten die meisten das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Und wie sehen Sie das?

In jedem Fall ist es falsch, aus religiösen Erwägungen zu urteilen. Ich finde nicht, dass jeder Mörder mit dem Tode bestraft werden sollte. Aber ich vertrete auch nicht die Ansicht, Leben sei heilig. Nehmen Sie Adolf Hitler. Ich bin überzeugt, dass es - wäre er Ende des Zweiten Weltkriegs festgenommen worden - eine überwältigende Mehrheit für seine Hinrichtung gegeben hätte. Es hätte Einigkeit geherrscht, dass es ein Schlag ins Gesicht der Opfer wäre, ihn am Leben zu lassen. Niemand hätte seine Hinrichtung als unmoralisch empfunden. Auf dieser Basis lässt sich eine Vergleichsskala errichten. Die größte Ungerechtigkeit ist sicherlich, einen Unschuldigen hinzurichten. Und da wir davon ausgehen können, dass immer wieder Unschuldige in Todeszellen sitzen, ist die Todesstrafe grundsätzlich nicht zu rechtfertigen.

Glauben Sie an Gut und Böse?

Ja. Im Laufe eines Lebens tut jeder beides. Die Frage ist nur, wie weit er dabei geht.

Und wer entscheidet über Gut und Böse?

Die Grundweisheit ist: Was du nicht willst, das man dir tut, das tu auch keinem anderen an. Das ist eine ziemlich gute Regel.

Würden Sie sich als Moralist bezeichnen?

Ja. Es gibt zwar keine einfachen Antworten, sondern eigentlich nur Schattierungen von Grau. Und dennoch werte und urteile ich. Deshalb bezeichne ich mich als Moralisten.

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