Kultur : Sean Connery: Morgen wird der Schauspieler 70 Jahre alt

Andreas Conrad

Ein Mann, Schauspieler von Beruf, war zu schnell gefahren und erwischt worden, ein Polizist hatte ihn angezeigt, vor einem Richter traf man sich wieder: 15 Pfund Geldbuße. Ein belangloser Vorfall, der da am 28. Oktober 1967 aus einem Londoner Gerichtssaal gemeldet wurde - wären nicht die Namen der beiden Beteiligten: Sean Connery und James Bond.

In seiner Biografie des schottischen Kinohelden, rechtzeitig zum morgigen runden Geburtstag Connerys erschienen, notiert Siegfried Tesche die Episode unter "Enten". Immerhin hatte die Agentur AP die Nachricht verbreitet, auch im Tagesspiegel war sie zu lesen, und sollte sie tatsächlich nicht wahr sein, sie wäre doch gut erfunden. Die Weltpremiere von "Man lebt nur zweimal", dem fünften Bond, lag wenige Monate zurück, und Connery hatte dabei sogar der Queen versichert, es sei sein letzter 007-Film, die Rolle lege ihn zu sehr fest. Die von der Presse genüsslich ausgebreitete Prozessnotiz zeigte freilich: Der Agent mit der Lizenz zum Töten sollte an Connery kleben wie Pech - ja, nachträglich erscheint manche damals unverständliche Rollenwahl als Versuch, gegen die drohende Identifikation mit einer einzigen Figur anzuspielen.

Zweimal, in "Diamantenfieber" (1971) und "Sag niemals nie" (1983), sollte Connery noch rückfällig werden. Seitdem hat er sich längst freigespielt - und blieb doch 007. Ein wandelndes Paradox: Timothy Dalton, Roger Moore, danach der fade Georges Lazenby und neuerdings Pierce Brosnan wurden der jeweils aktuelle und damit echte Bond, Connery aber bleibt der wahre. Jeder denkt bei seinem Namen sofort an eisgekühlte Wodka-Martinis, geschüttelt, nicht gerührt - danach aber weiter, an "Marnie", "Ein Haufen toller Hunde", "Der Mann, der König sein wollte", "Der Name der Rose", "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug", "Jagd auf Roter Oktober", "Das Russland-Haus", "Die Wiege der Sonne" - oder auch "Die Unbestechlichen", die Connery 1988 einen Oscar als bester Nebendarsteller bescherten. Er selbst freilich, seit "Goldfinger" passionierter Golfspieler, hätte "lieber die US-Open im Golf" gewonnen.

Kein anderer 007-Star hat wie Connery den Aufstieg zum anerkannten, jüngst sogar zum Sir geadelten Charakterdarsteller geschafft. Dennoch, mit dem alten Image kokettiert er ganz gern: "Ja, haben Sie denn nie meinen Lebenslauf gelesen?", fragt Connery im Alcatraz-Thriller "The Rock" Filmpartner Nicolas Cage und klärt ihn wenig später auf: "Ich hatte eine hervorragende Ausbildung - britischer Geheimdienst." Und beim Eintritt in die Scottish National Party 1991 kam nur eine Mitgliedsnummer in Frage: 007.

Gleich zwei Bücher erscheinen anlässlich Connerys 70. Geburtstag in Deutschland, rechtzeitig nur das von Siegfried Tesche. Wie frühere Biografen hatte er das Problem, dass Connery derlei Annäherungsversuchen stets abweisend gegenüberstand: "Die sollen schreiben, was sie wollen, und dann verklage ich sie." So legt Tesche den Schwerpunkt auf die Liste der Filme, zeichnet mit viel Hintergrundwissen die Karriere des Schauspielers, weniger des Privatmannes nach. Manche filmhistorische Kuriosität kommt da zum Vorschein. Wer außer Peter Zadek weiß schon, dass Connery 1953 in dessen Film "Simon", wenngleich noch als Statist, sein Leinwand-Debüt hatte? Oder dass er 1962, unmittelbar vor "Dr. No", dem ersten Bond, in dem Normandie-Epos "Der längste Tag" durchs Bild huschte? Der Nachteil von Tesches Methode besteht freilich darin, dass die vielen filmbezogenen Zitate, von Connery selbst oder seinen Kollegen, sich häufig so lesen, als entstammten sie den Werbebroschüren der Verleihfirmen.

Trotz dieser Handicaps schälen sich aus der Informationsfülle einige Fixpunkte heraus, die sich nach und nach zu einem Bild des Menschen Sean Connery zusammenfügen - des Schotten Connery, um korrekt zu sein. Denn an einem zentralen Anliegen hat er nie einen Zweifel gelassen: "Scotland Forever". Das ist auf seinen rechten Unterarm tätowiert, ein Andenken an die Zeit bei der Marine 1946/49. Die Herkunft aus Edinburgh machte es Journalisten leicht, Connery als knauserig schachernden Schotten darzustellen, was Anekdoten noch zu bestätigen schienen: "Überraschend pingelig ... Er vergewissert sich überall, dass alle Lichtschalter ausgedreht sind", spöttelte etwa Regisseur John Boorman, und beim Verhandeln um Gagen ist Connery ohnehin stets knallhart wie Bond höchstselbst gewesen. Bei "Jagd auf Roter Oktober" bedingte er sich sogar einen Ausgleich aus, falls der Dollarkurs während der Dreharbeiten sinken sollte - die Hälfte der Gage stiftete er dann aber generös dem Scottish International Education Trust. Der Fonds fördert begabte junge Schotten - Connery hatte ihn 1970 mitbegründet und mit dem größten Teil der Gage aus "Diamantenfieber" ausgestattet.

Auch "Mum and Dad" hatte er sich auf den Unterarm tätowieren lassen, ein noch immer gültiges Bekenntnis zur Familie, das bei einem, dem der Ruf sagenhafter Erfolge bei Frauen vorauseilt und der noch 1989 von der US-Zeitschrift "People" zum "most sexiest man alive" gewählt wurde, zumindest überrascht. Tatsächlich ist er erst zum zweiten Mal verheiratet. Die Ehe mit der Schauspielerin Diane Cilento dauerte von 1962 bis 1973, knapp zwei Jahre später folgte die Malerin Micheline Roquebrune. Oft hat man über Affären mit Filmpartnerinnen spekuliert, noch immer traut man sie ihm zu. "Er hat so einen tollen Körper, und er ist unglaublich charismatisch", schwärmte Catherine Zeta-Jones nach den Dreharbeiten zu "Verlockende Falle". Connery hat sich da vermutlich nur mit mildem Spott an die Glatze getippt.

Ohnehin, der Humor: Er scheint der gemeinsame Nenner bei Connerys Wahl seiner Rollen. "Wenn ich ein Drehbuch lese, suche ich zuerst danach, ob die Hauptfigur einen Sinn für Humor hat. Der Humor einer Figur enthüllt wesentlich mehr über sie als die historischen Tatsachen, ihre Wut oder ihre Aggression." Schon Bond besaß davon eine ganze Menge, nur ist sein leicht grausamer Zynismus längst einer fast altersweisen Spottlust gewichen, einer Ironie, die in den Augenwinkeln nistet, in einem kurzen Stirnrunzeln aufleuchtet und auch die eigene Person durchaus nicht schont. Damit vermag Connery noch aus kleinsten Rollen Funken zu schlagen, etwa in seinem überraschenden Auftritt als König Richard in der Schlusszene von "Robin Hood", die dadurch noch an Witz gewinnt, dass Connery fünfzehn Jahre vorher selbst den Helden aus dem Sherwood Forest gespielt hat. Der königliche Spott, er richtete sich eindeutig auch gegen das neue Pfeil-und Bogen-Spektakel und seine jungen Akteure - Hauptdarsteller Kevin Costner hat es deutlich gespürt: "Wenn du mit Sean Connery zusammen bist, dann lernst du schnell, wo dein eigener Platz im Universum ist. Und das lässt einen bleich werden."

Übrigens: Im Februar 1990 war der Schauspieler Sean Connery wieder einmal zu schnell gefahren, nun auf einer kalifornischen Autobahn. Auch diesmal kannte der Richter keine Gnade: "Er saß halt nicht in einem Austin Healey und konnte eine Öllache hinter sich herziehen und eine Nebelwand werfen." Der gute Mann hatte keine Ahnung. Es gab Zeiten, da wusste jedes Kind: Der wahre Bond fährt Aston Martin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar