Kultur : Sechse treffen, Sieben äffen

Im Nachschuss: Das Musical „The Black Rider“ in der Schaubühne.

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Baller dich frei, Mann. Die Band Kante und das singende Schaubühnen-Ensemble in „The Black Rider“.Foto: Marcus Lieberenz
Baller dich frei, Mann. Die Band Kante und das singende Schaubühnen-Ensemble in „The Black Rider“.Foto: Marcus Lieberenz

Keine Frage: Die Lady im schwarz-weißen Abendkleid ist stark absturzgefährdet. Ihre erste Amtshandlung im Musicalabend „The Black Rider“ besteht darin, die Luftballons, die sie wie einen zwanghaften Fröhlichkeitsimport aus Disney Land bei sich trägt, mit heißer Nadel hinzumetzeln – im Takt von Tom Waits’ „Lucky Day Overture“. Und dank des dabei entstehenden Geräuschs wären wir auch schon mittendrin im krachledernen Jagdflinten-Patriarchat, das dem Schreiber Wilhelm und seiner Geliebten das Leben so schwer macht: Da der dumpfe Erbförster Bertram (Sebastian Nakajew) seine Tochter keinesfalls in den Armen eines Jungakademikers sehen will, der notorisch am Schießeisen versagt, lässt sich der junge Mann zu einem Teufelspakt hinreißen: Ein ominöser Stelzfuß im grauen Dreiteiler (Tilman Strauß) schenkt ihm silberne Kügelchen, die waffentechnische Dilettanten zu Wunderschützen machen – und entsprechend das Suchtpotenzial fördern. Auch Jule Böwe wird nach der anfänglichen Luftballonnummer in diesem flotten Drogenzweistünder noch mehrfach Gelegenheit haben, als semitragisch verstrahlte Förstersgattin zwischen Mikro und Loungesessel hin- und herzustolpern.

„The Black Rider“ – der legendäre Hamburger Thalia-Erfolg von William S. Burroughs, Tom Waits und Robert Wilson aus dem Jahr 1990, den Hochkulturpuristen gern als „Cats für Intellektuelle“ schmähen – wurde ja mittlerweile zigfach nachinszeniert. Auch die Regisseurin Friederike Heller interessiert sich an der Berliner Schaubühne dezidiert für die Verbindung zwischen Verführung, Sucht, Erfolgs- und Entertainmentzwang in Kunst und Leben. Die autobiografisch inspirierte Drogenallegorie, die der damals über siebzigjährige Alt-Beatnik William S. Burroughs mit seiner „Freischütz“-Variation schuf, wird stoff- und zeitenübergreifend aufgerollt. Während Franz Hartwig den Bücherwurm Wilhelm zu einem hibbeligen Wollpullovernerd vergegenwärtigt, der direkt aus einer Berlin-Mitte-Bar herbeigecastet sein könnte, reüssiert seine Angebetete (Lucy Wirth) mit zusätzlichem Spieldosenpuppenappeal im Fünfziger-Jahre-Petticoat. Töchter, die sich erst bei der Gattenwahl in die Parade fahren und anschließend beim Wettschießen der Bewerber auch noch tödlich treffen lassen müssen, sind heutzutage schließlich schwerer vermittelbar als nervöse Aufsteiger unter Sozialdruck. Es sei denn, der Todesschuss resultiert aus Drogenkonsum, wie bei Burroughs selbst, der 1951 in Mexiko-Stadt beim Nachstellen der Apfelszene aus Schillers „Wilhelm Tell“ versehentlich seine Frau tötete.

Sabine Kohlstedt hat eine von roten Samtvorhängen umkuschelte Bühne gebaut, wo die Band Kante – inzwischen Stammgastspieler in Hellers Inszenierungen – auf Podesten thront und sauber die Waits-Songs einspielt. Die Schauspieler werden, wenn sie dieses an Varieté und Vaudeville gemahnende Szenario zu Beginn über eine auf dem Boden drapierte Kiste entern, quasi wie Kaninchen aus dem Zirkushut gezaubert und lassen auch im Folgenden keinen Zweifel daran, dass der Grat zwischen dem Willen und dem Zwang zur Show mitunter schmal ist: Eine Diagnose, die Heller kürzlich schon in ihrer Dresdner Inszenierung der „Dreigroschenoper“ stellte – welche sich dafür als substanziellere Vorlage erwies. Abgesehen von den erwartungsgemäß ironisch ausgestellten Geschlechterklischees tölpeln Ulrich Hoppe und Sebastian Nakajew das Jagdwild im „Black Rider“ mit grotesken Tierkostümen an die Rampe oder treten als klamaukige Sensenmänner auf. Unterm Strich bleibt bei alledem die Erkenntnis, dass Tom Waits’ Songs immer noch rocken. Nicht weniger, aber auch nicht wesentlich mehr.

Wieder am 26. und 27.11., 20 Uhr

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