SEHEN : Wie aus Beton Gold wurde

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„Wie funktioniert das Geschäft mit Immobilien im 21. Jahrhundert, und welche Rolle spielt darin die staatliche Wohnungspolitik?“ Solche dramatisch anspruchsvollen (und überdurchschnittlich lebenspraktischen) Fragen stehen zurzeit auf der Agenda der Kreuzberger Vierten Welt: In Performances, Führungen und Gesprächen mit Soziologen, Architekten oder Künstlern möchte das Theater sich einklinken in den brisanten Berliner Städtebau- und Gentrifizierungsdiskurs.

Zugegeben: Dass Bühnen mit derartigen Ansprüchen aufwarten, ist längst keine Seltenheit mehr. Ausnahmecharakter darf man sich von Dirk Cieslaks Großprojekt Der Block (17.–20.10., 24.–27.10. und 1.–3.11.; detailliertes Programm unter www.viertewelt.de) trotzdem erhoffen. Denn während die großen gesellschaftspolitischen Themen im theatralen Praxistest zu guter Letzt oft krachend scheitern, weil sie sich im Unkonkreten verläppern und recherchetechnisch gern mal hinter Leitartikel-Niveau zurückbleiben, weiß Cieslak genau, wovon er spricht: Das Zentrum Kreuzberg – jener berühmte Betonklotz am Kottbusser Tor, dessen Geschichte er unter dem Motto „Der Block“ aus allen erdenklichen Perspektiven bespiegeln wird, um wirklich sachkundige Bögen in die Gegenwart zu schlagen – beheimatet seit drei Jahren die von ihm geleitete Theaterspielstätte „Vierte Welt“.

Geplant und entstanden in den 1960er Jahren „als erstes privat finanziertes Wohnungsbauvorhaben dieser Größenordnung im Goldrausch der Berliner Abschreibungs- und Subventionspolitik“, wie Cieslak lachend betont, gab es um das Bauwerk bekanntlich jahrzehntelange Debatten. „Die Abschreibungsgeschichte“ als „eine Art frühe Vorform dessen“ – so Cieslak – „was wir heute auf den Finanzmärkten erleben“, ist dabei allerdings nur ein Aspekt, den der Regisseur verfolgen wird. Darüber hinaus rollt „Der Block“ auch stadtsoziologisch interessante Fakten auf. So zeigt ein Filmabend ein Interview mit dem DDR-Historiker Kurt Weynicke, der an die selbstorganisierte Barackensiedlung „Baraccia“ erinnert, die sich anno 1870 am Kotti befand.

Vielleicht wird „Der Block“ ja tatsächlich mal ein Kunstprojekt, von dem der Kulturliebhaber praktische Handlungsanregungen mit in die eigenen gentrifizierungsbedrohten vier Wände nimmt.

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