Kultur : Sei doch mal ruhig!

Mit „Die Faxen dicke“ trifft das Grips-Theater einen Nerv: Es geht um hyperaktive Kinder

Hartmut Krug

Dennis ist ein lebhafter Junge. Alles ist bei ihm in Bewegung, Hände und Beine, Kopf und Mund. Fällt ihm etwas ein, dann brüllt er es heraus oder führt es sofort aus. Damit nervt er alle: seine Eltern, seine Schwester, seine Mitschüler und seine Lehrerin. Und wenn er allzu aufgeregt oder wütend ist, rastet er auch einmal aus. Dann bekommt seine Mutter eine Beule oder sein Freund eine blutige Nase. Dennis ist das, was man früher Zappelphilipp nannte. Wissenschaftlich gesagt, ein Kind mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS). Das drückt sich aus in Hyperaktivität, Impulsivität, in Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen. Es gibt immer mehr Kinder, die diesem Verhaltensmuster entsprechen.

Ein aktuelles, aber kein leichtes Thema, das sich der langjährige Grips- Theater-Schauspieler Christian Giese für sein Dramatiker-Debüt ausgewählt hat. Nicht, weil Dennis zu Recht mannigfaltige Aggressionen auf sich zieht, obwohl er eigentlich ein lieber Kerl ist. Sondern weil ein Kind gezeigt werden muss, das stets das Gute will und nur das Schlimme schafft. Daniel Jeroma vermag seiner Figur denn auch beim Publikum locker Sympathie zu erspielen. Weniger gut gelingt es ihm und Regisseur Frank Panhans, dem chronisch-überdrehten Getobe des unter Überdruck stehenden Jungen spannende schauspielerische und szenische Form zu geben. Das dröhnt und wuselt zunächst auf der Bühne so dahin, ohne dass klar wird, was ADS ist.

Immerhin: trotz etwas schlapper Musik vom Band, die der Schlagzeuger Martin Fonfara vom Bühnenrand aus aufheizt, begeistern die sprachwitzig einprägsamen Songs von Thomas Zaufke das Publikum enorm. Nach der Pause wird’s dann richtig toll. Denn Dennis funktioniert plötzlich, er ist völlig still und brav. Stillgestellt mit der Ritalin- Pille, verblüfft er seine Schulkameraden und begeistert seinen ruhebedürftigen Vater. Nur seine Mutter (Michaela Hanser) zweifelt an der Richtigkeit dieser chemischen Seinsveränderung.

In einer herrlich kabarettistischen Traumszene setzt eine Ärzteschar mit unterschiedlichsten Behandlungsvorschlägen der Familie zu. Da bekommt die Inszenierung Witz und Schwung. Und dann die Zirkustricks! Denn das Zauberwort heißt Mitmach-Zirkus. In der Manege, wo die Freiheit grenzenlos ist, man aber dennoch bestimmte Regeln einhalten muss, kann auch der ADS-Geschädigte zu Einsicht und Selbstwertgefühl kommen.

Wenn Dennis, der Blödmann, seine Schwester, die Zirkusprinzessin (artistisch beeindruckend: Regine Seidler), in die Manege begleitet, bringt er zunächst alles in Aufruhr. Doch neben überforderten gibt es im Grips auch den verständnisvollen Erwachsenen. Diesmal ein Clown: Laszlo (Frank Engelhardt) hat was gegen Drogen. Also weg mit den Pillen. Und was nutzen sie auch? Bewahren sie Dennis nicht einmal davor, als Zerstörer von Schularbeiten zu gelten. Dabei ist der Schuldige Schulfreund Thorben (Jens Mondalski), den die in ihn verliebte Janice (Stephanie Schreiter) vom Geständnis abhält.

Christian Giese gesteht allen Figuren ihre eigenen Probleme zu, was ihnen Profil gibt. Nun ja, deren Lösung ist dann wieder von gripstypischem Optimismus getragen: Laszlo schafft es nicht nur, Dennis vor unberechtigtem Schulausschluss zu bewahren. Er überzeugt sogar die Lehrerin, dass man Mathematik auch mit den Mitteln eines Clowns lehren kann. So schmettern alle im Finale unterm Zirkuszelt die schöne Utopie: „Nicht immer können alle, was sie soll’n/ Aber alle dürfen können, was sie woll’n.“

Keine Frage: Das Grips hat schon wieder einen Hit gelandet.

„Die Faxen dicke“, wieder am 16. April um 16 Uhr, sowie 8.–10. Mai (Altonaer Str. 22, Tiergarten)

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