Kultur : Seine Spuren im Sand

Schwimmen gehen mit Picasso: Die Stuttgarter Staatsgalerie versammelt die „Badenden“ des spanischen Meisters

Ralf Christofori

Wer Pablo Picasso verehrt, glaubt an ihn. Wer an ihn glaubt, dem erscheint jeder Strich des spanischen Meisters wie ein Geniestreich. Die großen Picasso-Ausstellungen zwischen New York und Paris, Basel und München wussten dieses Evangelium in den vergangenen Jahrzehnten fachgerecht aufzubereiten und ebenso publikumswirksam zu nutzen. Mit Superlativen, die den romantischen Mythos vom künstlerischen Genie weit ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus kolportierten. Und mit dem durchaus zweifelhaften Erfolg, dass die einen heute immer noch an Picasso glauben – andere aber seine Arbeiten nicht mehr sehen können.

In der Staatsgalerie Stuttgart ist nun eine Picasso-Schau zu sehen, welche die Häretiker genauso überzeugen dürfte wie die Gläubigen. Es ist eine äußerst konzentrierte Ausstellung. Keine Retrospektive, sondern eine persönliche Motivgeschichte, die das Sujet der „Badenden“ von Picassos Frühwerk bis in die frühen Sechzigerjahre verfolgt. Nun hat Pablo Picasso das Motiv der Badenden weder erfunden, noch hat man dieser motivischen Auseinandersetzung im Œuvre des Spaniers bislang allzu viel Bedeutung beigemessen. Trotzdem lohnt sich ein Blick darauf. So berufen sich die Ausstellungsmacher ganz einfach darauf, dass der „Kontinent Picasso“ (Werner Spies) schon immer die Nähe zum Meer suchte und seine „Badenden“ ein wunderbarer Vorwand wären, um an ihnen seine malerische, zeichnerische und plastische Klaviatur paradigmatisch aufzuschlüsseln.

In einem Dreisprung setzt die Ausstellung über drei markante Werke Picassos hinweg, die allesamt aus dem Bestand der Staatsgalerie selbst stammen: Seine „Kauernde Frau am Meer“ von 1902 bildet den Auftakt, die überlebensgroße Figurengruppe der „Badenden“ von 1956 den bezugreichen Höhepunkt und Picassos Paraphrase zu „Manets Frühstück im Freien“ den Epilog.

Die eigentliche Keimzelle von Picassos Badenden aber ist Paul Cézanne, der das Thema so intensiv wie kein zweiter ausgereizt hat. Und wie bei Cézanne, so sind auch bei Picasso die Badenden von Anfang an Formfindung und -erfindung in einem. Das gilt für die protokubistische Studie seiner „Badenden im Wald“ (1908) oder die manierierten Körperhaltungen der zehn Jahre später datierten „Badenden“ am Strand von Biarritz. Es gilt mehr noch für drei wunderbar reduzierte Bleistiftzeichnungen aus dem Besitz des Metropolitan Museum in New York. Glänzend behaupten sich diese linearen Akte gegenüber den zeitgleich entstandenen „Akten am Meer“ (1921), in denen der Maler massive Frauenkörper wie ein Steinmetz ins Bild setzt.

Einen ganzen Raum widmet die Ausstellung Picassos „Carnet Dinard“ – einem Skizzenbuch, das 1928 während eines Sommeraufenthaltes entstand, den Picasso mitsamt Familie und Geliebter in dem gleichnamigen bretonischen Küstenort verbrachte. In diesem bemerkenswerten Carnet oszilliert das Motiv der Badenden beständig zwischen bildnerischer und plastischer Formfindung. Mal münden die Tuschezeichnungen in eine Malerei, die sich – etwa im Falle der „Figuren am Strand“ von 1931 – wie eine surrealistische Plastik Arps oder des frühen Giacometti aus dem Bildgrund herausschält. Dann wieder deuten einige Zeichnungen unmissverständlich auf das Skulpturenensemble der „Badenden“ von 1956 hin, in denen Picasso die Kunst der Plastik auf zweidimensionale Holzskulpturen beschränkt. Die „Badenden“, erläuterte der Künstler später, habe er zuerst gemalt, dann skulptural ausgeführt, anschließend wieder gemalt: „Malerei und Skulptur haben wirklich miteinander diskutiert.“

In der Tat haben sich Picassos Malerei und Plastik durch die parallele Auseinandersetzung denkbar vielfältig gegenseitig inspiriert. Im Sommer 1957 malte er das Bild der „Badenden am Strand von Garoupe“ und verwendete dabei flache Skulpturen als Schablonen. Umgekehrt findet die stehende Figur aus dem großartigen Bild „Ruhender Akt am Strand“ (1961) ihr plastisches Pendant in der gefalteten Blechskulptur der „Kleinen Frau mit ausgebreiteten Armen“. Insgesamt umspielen achtzehn kleine Figuren zu Edouard Manets „Frühstück im Freien“, die Picasso 1962 schuf und später in Beton und Granit gießen ließ, die ein Jahr zuvor entstandene malerische Paraphrase.

Mit diesen Badenden scheint der „Kontinent Picasso“ für einen kurzen Moment das Meer verlassen zu haben. Stattdessen stellt man sich die nackten Pappfiguren am Ufer eines umrankten Teichs vor. Eine Hommage an Manet. Eine Hommage an Matisse. Achtzehn kleine unscheinbare Picassos. Und doch genial.

Staatsgalerie Stuttgart, bis 16.Oktober; Katalog 26 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar