Kultur : "Septembersturm": Die Angst eines Kindes

Daniela Sannwald

Dicht vor der türkischen Westküste, im Ägäischen Meer, liegt die Insel Bozcaada. Ein Ferienparadies, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann. Meer und Himmel azurblau. Zwischen weiß gekalkten Häusern gehen die Insulaner gemächlich ihrem Tagwerk nach. Auch der Großvater des fünfjährigen Metin wohnt dort, und der Junge ist gerade zu Besuch. Ferienstimmung kommt jedoch nicht auf, denn Metins Aufenthalt ist ein erzwungener. Seine Mutter ist im Gefängnis und sein Vater untergetaucht.

"Septembersturm" spielt nach dem Militärputsch vom 12. September 1980. Nachdem bürgerkriegsähnliche Zustände das Land zerrüttet hatten, versuchten die Machthaber, die Opposition im Keim zu ersticken. Linke und Intellektuelle wurden unbarmherzig verfolgt. Seit einigen Jahren diskutiert man in der Türkei - auch in Filmen - offen über die damaligen Ereignisse. Der 1926 geborene Atif Yilmaz hat in "Septembersturm" die Perspektive des kleinen Metin inszeniert: Metin muss verstehen lernen, dass seine Eltern ihn verlassen haben, obwohl sie ihn lieben. Und wird doch nur Zeuge von ihm unbegreiflichen Ereignissen: Seine Mutter kommt halbtot aus dem Gefängnis zurück; sein Vater geht als gebrochener Mann ins Ausland. Deshalb verliert er sich in Träumen eines heilen Familienlebens und wird selbst zum Außenseiter. Dagegen können auch Großvater, Nachbarn und Freunde nichts ausrichten.

Yilmaz hat leuchtende Bilder von Weinbergen und Fischerbooten mit düsteren Gefängnisszenen montiert. Der Kontrast vermittelt eine Idee von der Angst, die vor zwanzig Jahren ein ganzes Land lähmte. Willkür, Terror und Unrecht unterliegen keinen Gesetzen. Auch Erwachsene können sie nicht verstehen.

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