"Service / No Service" in der Volksbühne : Intro und retro

Wehmütiger Charme: René Pollesch erkundet an der Volksbühne in „Service / No Service“ die Befindlichkeiten des Hauses.

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Dreht munter am Rad der Selbstreferenz: die Volksbühne.
Dreht munter am Rad der Selbstreferenz: die Volksbühne.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Thespiskarren rollt über den Asphalt. Eine lustige Person führt ein Minidrama auf mit Smarties und einer Kopfschmerztablette, die sich mutig ins Wasserglas stürzt, um sich aufzulösen. Thespis, das war einer der ersten griechischen Dramatiker, er zog mit einer Wandertheatertruppe herum. Seine Stücke sind nicht überliefert, auch sein Name und seine Profession lassen sich nicht klar belegen. Kurz: ein Mythos.

Und das passt ganz wunderbar in die Volksbühne. Sie ist längst der Mythos ihrer selbst, lebt aus der Geschichte und Variation – so wie René Pollesch sich in seinen Stücken mit dem Theater an und für sich beschäftigt. Poststrukturalistischer Boulevard, das ist sein Genre. Mehr oder weniger lustiges Geblubber mit tollen Schauspielern auf leerer Bühne, gern begleitet von einem Chor oder einem Trupp Akrobaten, und das Ganze mit hohem Wohlfühlfaktor.

Da ist also der Karren, und da ist der Asphalt, mit dem in der Volksbühne der gesamte Innenraum überzogen wurde. Die Sitzreihen haben sie herausgenommen, und diesmal gibt es auch, anders als bei Frank Castorfs Karamasow-Brüdern, keine Sitzsäcke. Das Publikum hockt auf dem Boden, steht an der Seite und lauscht Sätzen wie: „Wir haben unser eigenes Schicksal von der Geschichte der Welt abgekoppelt.“

Introspektion mit Charme

Man kann das natürlich leicht als Zustandsbeschreibung der Volksbühne verstehen, die sich im vorletzten Jahr der Ära Castorf befindet. 2017 kommt Chris Dercon, der neue Intendant, unter dem angeblich alles anders wird und der im engsten Volksbühnen-Kreis als die personifizierte Katastrophe gilt. Nun denn. Polleschs jüngste Kreation „Service / No Service“ attackiert nicht die feindliche Außenwelt, sondern betreibt besinnliche Introspektion.

Wenn Kathrin Angerer das macht, rührt es an, komisch und komplett entwaffnend. Sie stellt eine „berühmte Schauspielerin“ dar, die Elektra spielt und plötzlich aufhört mit dem Theater, innehält, nix mehr Tragödie! Der Chor der Männer weiß auch nicht so recht, wohin mit seiner Energie und muss sich fragen lassen, was der Spruch auf den T-Shirts bedeuten soll. „Don’t look back“ steht da geschrieben, wie auf den beliebten Streichholzschachteln der Volksbühne. Und überhaupt. Nicht zurückschauen. Gute Idee. Aber schwierig: Denn die Volksbühne ist seit Längerem im vollen Retro-Modus mit sich selbst beschäftigt. Sie hat es geschafft, das Selbstreferenzielle zu einem massiven Politikum zu machen.

Bei Pollesch immerhin: mit Charme. Und eher wehmütig als blindwütig. Und mit Woody-Allen-Humor – wenn Kathrin Angerer zum Beispiel die Schöpfungsgeschichte erzählt. Wie Gott die Großraumdisko schuf und die Drogen. So sieht die Volksbühne im Dekor des im Sommer verstorbenen Bert Neumann aus. Wie ein Tanzschuppen, in dem man mit einem nervigen Weihnachtslied empfangen wird.

Draußen ist eigentlich auch was los

Ja, was ist das hier? Ein Stück über Desorientierung, Theatererinnerungen, in seinen angenehmen Momenten ein Solo für Kathrin Angerer – ein Geschöpf vom anderen Stern, die Frau in grünem Dress, die mit ihrem Glitzerraumschiff auf dem Planeten Volksbühne landet, dem sie ja eigentlich auch entstammt. Das Problem der Volksbühne von Frank Castorf ist, dass sie sich über eine so lange Strecke verabschieden muss, zwei Spielzeiten, und sich auch gar nicht verabschieden will. Wer da nicht hin und her gerissen ist als Zuschauer, hat kein Theaterherz und kennt die Geschichte nicht. Bloß sagen sie ja selbst: Sie sind von der Geschichte abgekoppelt.

Es vergehen gut anderthalb Stunden, man hat wieder einmal eine Pollesch-Uraufführung erlebt und stellt fest, draußen, auf der Straße, in der Bahn: In Berlin ist ja richtig was los. Aggro-Performer, Bettler, Besoffene mit irren Handy-Monologen, Touristen im Lachkrampf.

Früher was es umgekehrt, da war das Theater drinnen besser, härter. Jetzt macht man die Erfahrung: Asphalt lässt sich nicht kopieren.

Wieder am 16. und 23. Dezember sowie am 3. und 8. Januar.

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