Kultur : Sex an der Spree

Steffen Richter

schippert von Treptow zum Wannsee Es ist schon auffällig: In Balzacs „Chagrinleder“ will sich Raphael de Valentin vor Verzweiflung in die Seine stürzen. Alberto Moravia widmet sich den „Mädchen vom Tiber“. James Joyce lässt Leopold Bloom in Dublin am Ufer der Liffey in der „Siren’s Bar“ einkehren. Wie aber ist es um die Literaturfähigkeit der Spree bestellt? Die bringt es lediglich zu einem mediokren Krimi wie „Spreekiller“ von -ky.

Dabei ist die Spree doch abenteuerlich! Dachte sich zumindest Gerd Conradt . Für sein Buch „An der Spree“ (Transit) versammelt er Geschichten aus dem Einzugsgebiet des Flusses. Der ist immerhin 400 Kilometer lang und führt von der Quelle bei Kottmar durch ein Tagebaugebiet, den Spreewald, Beeskow und den Müggelsee bis zum Kanzleramt, bevor er in die Havel mündet. Auch als ehemalige Grenze sollte die Spree eigentlich literarisches Potenzial besitzen. Vorerst aber erzählt Olympiasieger Jochen Schümann von seinen ersten Segelversuchen auf dem Fluss. Und der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes teilt mit, dass er in Berlin gut schläft – wegen der beruhigenden Wirkung des vielen Wassers. Die Buchvorstellung (20.7., 20 Uhr) findet an einem äußerst passenden Ort statt: in der Treptower Arena (Eichenstr. 4), einen Steinwurf von der Spree und dem berühmten Badeschiff entfernt.

Wer den 22.7. am Badeschiff verbracht hat, kann gleich dort bleiben. Zu vorgerückter Stunde (22 Uhr 30) gibt es in der Arena eine Lesung aus Anaïs Nins intimem Tagebuch „Henry, June und ich“ . „Henry“ ist Henry Miller, „June“ seine Frau June Mansfield und „ich“ ist Frau Nin, die schamlos über das Dreiecksverhältnis plaudert. Im Klartext: Es geht um „Liebe, Sex, Rausch“, wie die Arena-Lesereihe betitelt ist. Und wer Gefallen an spätabendlicher Literatur gefunden hat, kann am Tag darauf gleich in die Galerie „Goethes Barometer“ ziehen (Kreuzbergstr. 77), wo um 23 Uhr eine „Mitternachtslesung am Viktoriapark“ beginnt. Da es sich um eine offene Vorlesebühne handelt, gibt es ja vielleicht endlich den großen Spree-Roman zu entdecken.

Und wie sieht es in der Malerei mit der Spree-Präsenz aus? Am 20.7. (18 Uhr) liest Wolfgang Unterzaucher Geschichten um die Berliner Jahre von Max Slevogt . Und zwar im Rahmen einer Ausstellung, die dem Impressionisten derzeit im Max-Liebermann-Haus (Pariser Platz 7, Mitte) gewidmet ist. Slevogt hat durchaus Wasser gemalt: das Meer bei Holland oder einen Teich samt Fontänen im Pfälzischen. Auch in Berlin war er dem Wasser nicht abhold. Sein „Blumengarten in Neu-Cladow“ zeigt im Hintergrund etliche Segelboote. Doch es ist wie verhext: Die Boote liegen auf dem Wannsee. Und der speist sich bekanntlich aus der Havel.

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