Sexuelle Übergriffe auf Frauen : Köln kann überall sein

Eine Frau wird beim Joggen von einem Mann überfallen. Der Angriff liegt Jahre zurück, doch Scham und Schuldgefühl bleiben. Die Betroffene erzählt.

Svenja Richter
Eine Frau protestiert am 10.01.2016 in Köln vor dem Hauptbahnhof und dem Dom gegen sexuelle Gewalt mit einem Plakat "Angstfrei leben". Das gilt auch andernorts.
Eine Frau protestiert am 10.01.2016 in Köln vor dem Hauptbahnhof und dem Dom gegen sexuelle Gewalt mit einem Plakat "Angstfrei...Foto: dpa

Es waren keine Araber, sondern Briten, es passierte auch nicht in Deutschland, sondern in Schottland. Das Wer und Wo spielt aber keine Rolle, wenn es um die jedes Vertrauen erschütternde Erfahrung geht, jemandem ausgeliefert zu sein.

Wenn ich Berichte der Frauen lese und höre, die in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof bedrängt wurden, dann finde ich Gedanken, die mir bekannt sind. Deswegen schreibe ich das hier. Weil es bislang wenig um die belästigten Frauen ging in dieser Diskussion, die sich schnell ausgedehnt hat auf Asyl- und Aufenthaltsrecht, auf Männerbilder und Gesellschaftsstrukturen in weit entfernten Ländern. Es besteht kein Zweifel, dass Männer die Schuldigen sind. Schuldige, die enorm viel Aufmerksamkeit bekommen, während ihre Opfer damit glücklich sein sollen, davongekommen zu sein.

So ein Erlebnis ist nicht vergleichbar. Und ist es doch: wegen der Demütigung – und dem, was daraus folgt.

Es war ein Novembernachmittag vor etwa 15 Jahren, mild und sonnig. Seit zwei Monaten lebte ich als Austauschstudentin in einem Wohnheim in Glasgow, etwa alle zwei Wochen rief ich aus der Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite meine Eltern an. Oft standen am Wochenende die Studenten fürs Telefonieren Schlange, an diesem Tag aber musste ich nicht besonders lange warten. Ich vertelefonierte mein Kleingeld und ging ein paar Schritte zum nahen Kanal, an dessen Ufer sich ein kleiner Weg entlangschlängelte. An diesem Nachmittag war dort ziemlich viel los, Studenten, Pärchen, Hundebesitzer, alle nutzten das schöne Wetter für einen Spaziergang. In etwa war das auch mein Plan: Ich wollte joggen.

Ich lief gerade durch eine Kurve, als ich hinter mir schnelle Schritte hörte

Das Telefonat mit meinen Eltern war nett gewesen, ich hatte viel nachzudenken, lief und lief, bis ich plötzlich merkte, dass ich weiter gelaufen war als je zuvor, Spaziergänger und Hunde hinter mir gelassen hatte und vor mir die Kanalschleusen lagen. Dahinter kannte ich mich nicht mehr gut aus, also drehte ich um.

Ich lief um die erste Kurve, als mir zwei Jugendliche begegneten. Der eine war groß und schlaksig und trug das Trikot eines lokalen Fußballvereins, der andere war eher klein. Sie fragten mich im Vorbeilaufen, ob ich die Uhrzeit wisse. Ich sagte Nein – und rannte weiter.

Ich war nicht die einzige Joggerin am Kanal. Da ich eine verhältnismäßig langsame Läuferin bin, wich ich beim Dritten oder Vierten, der mich überholen wollte, zur Seite aus, ohne mich umzusehen. Ich lief gerade durch eine Kurve, als ich hinter mir wieder schnelle Schritte hörte.

Der Kanal in Glasgow heißt Forth and Clyde Canal, er liegt zum Teil erhöht von der Straße, zu der eine mit hohen Büschen und ein paar Bäumen bewachsene Böschung abfällt. Der Kanal fließt auch durch Maryhill, das Viertel, in dem ich wohnte. Es ist kein gutes. Der schottische Journalist und Krimiautor Craig Robertson schreibt, dass die Fische im trüben Kanalwasser bessere Überlebenschancen haben als die Bewohner an seinen Ufern: „Als Fisch kann man wenigstens nicht als Junkie enden.“

Er sprang mich von hinten an und hielt meine Arme vor der Brust fest

Es gibt in Berlin keine vergleichbare Gegend, am ehesten lässt sich Maryhill noch mit dem Kottbusser Tor vergleichen, auf viele Quadratkilometer ausgefaltet, schmuddelig, aber weitgehend zahnlos. Die Universität lag nicht weit, es gab mehrere Studentenwohnheime mit vielen internationalen Bewohnern und ich fühlte mich wohl. Nach zwei Monaten glaubte ich die Stadt halbwegs zu kennen. Ich verhielt mich vernünftig, war nachts nicht alleine unterwegs, nahm im Zweifel lieber ein Taxi und mied die No-go-Areas.

War ich leichtsinnig, alleine joggen zu gehen? Bis heute sage ich: nein. Denn ich war ja nicht allein an diesem Nachmittag.

Als ich auf die Schritte des Joggers hinter mir achtete, war ich erstaunt. Der Mann – es musste ein Mann sein, das war zu erkennen – lief wirklich sehr schnell. Das wunderte mich, aber ich wich aus in Richtung Böschung. Dann sprang er mich von hinten an, umarmte mich und hielt mir meine Arme vor der Brust fest.

Es wurde viel gelacht über den „Ratschlag“, den die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker Frauen gegeben hat: zum Selbstschutz eine Armlänge Abstand zu halten. Doch beschreibt diese Armlänge ziemlich genau die Entfernung, ab der die Nähe mit Fremden noch okay ist. Es ist wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, wie brutal sich eine fremde Hand innerhalb dieser Entfernung anfühlt, wenn man es nicht selbst erleben musste.

36 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben