„Shabbyshabby“-Aktion der Münchner Kammerspiele : Wir bauen uns die Welt

Die Münchner Kammerspiele pflanzen Wohnhütten ins Stadtbild. Ihre Aktion „Shabbyshabby“ protestiert gegen die Mietpreisexplosion. Irritierend mit Blick auf die Flüchtlinge am Hauptbahnhof.

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„Yellow Submarine“ existierte nur drei Tage. In der Nacht zum Dienstag wurde das Mini-Kunstapartment aus zwölf knallgelben Badewannen von Unbekannten angezündet, es brannte vollkommen nieder. Am Morgen ist auf der Schwindinsel in München, zwischen zwei Isararmen gelegen, nur noch ein stinkender, verkohlter Haufen übrig. „Yellow Submarine“, von Künstlern aus Glasgow gebaut, war Teil der „Shabbyshabby“-Aktion der Münchner Kammerspiele und ihres neuen Intendanten Matthias Lilienthal. Der öffentliche Raum soll in Zeiten der Münchner Mietpreisexplosion bewohnt werden – auf karge, aber künstlerische Weise. Es soll ein buntes Happening sein, bei dem die Gegensätze in der reichen Stadt aufeinanderprallen. Der Brandanschlag verstört. In der Feuernacht war das Apartment glücklicherweise unbewohnt.

22 Schlafstätten sind geblieben, von Architekten und Künstlern aus vielen Ländern geschaffen. De Materialkosten für die Behausungen durften 150 Euro nicht übersteigen. Die „Erdhütte“ etwa steht auf dem Max-Joseph-Platz vor der Oper und den Kammerspielen. Wie ein Dachgiebel sieht die mit Gras bewachsene Holzkonstruktion aus, die nicht mehr Platz bietet als ein Zwei-Mann-Zelt. An der Türinnenseite hängt dekorativ ein kleiner roter Feuerlöscher. Eine Hütte auf dem Platz, dahinter großes Theater.

Ein Bett direkt vor dem Gucci-Laden

„Andere Apartments sind aber sehr komfortabel“, erzählt Lilienthal. Etwa jenes im Isartor. Der mittlere Durchgang ist mit Holzlatten zugeschraubt, drinnen finden fünf Übernachtungsgäste Platz. Das Berliner Architektenkollektiv Raumlabor, das die Aktion zusammen mit den Kammerspielen organisiert hat, hinterlässt den Isartor-Schläfern neben Matratzen und Bettdecken auch eine Waschschüssel sowie Spielkarten.

„Es ist ein Traum, direkt vor Gucci zu schlafen“, sagt Benjamin Foerster-Baldenius vom Raumlabor über das Apartment „Give & Take“. Es steht am Ende der Maximilianstraße vor dem Gucci-Laden: eine Holzkonstruktion, ein Schränkchen davor mit drei Tassen, an der anderen Hausseite hängt ein Jackett über einem Bügel. Die Maximilianstraße, in der auch die Kammerspiele angesiedelt sind, hat es den „Shabbyshabby“-Machern angetan. Nirgends in München zeigt sich der Reichtum weniger Einheimischer und Touristen so zügellos, so obszön wie hier. Frauen aus den Öl-Emiraten schauen sich Blancpain- und Rolex-Uhren im Schaufenster an, deren Preise im höheren fünfstelligen Euro-Bereich liegen. Gegenüber dem Hotel „Vier Jahreszeiten“, vor Saint-Laurent und Hermes, steht die Schlafjurte „Zur feinsten Seide“. Vor dem Nobelhotel parken gerade ein Rolls Royce und ein Ferrari aus Katar.

Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Im Fußgängerschutztunnel an der Maximilianstraße ist die Schlafstätte „M6“ entstanden, oben unter der Decke. Hunderte, vielleicht tausende Passanten laufen täglich durch den Tunnel. Man muss über eine Leiter in den Schlafraum klettern, der mit weißen Gardinen und einer hässlichen gelben Lampe ausgestattet ist.

Im Schatten der Luxusschlitten steht die temporäre Schlafjurte an der Münchner Maximilianstraße.
Im Schatten der Luxusschlitten steht die temporäre Schlafjurte an der Münchner Maximilianstraße.Foto: Matthias Kestel

Zähneputzen auf der Maximilianstraße

Im „M6“ haben Chuck und Amelie übernachtet, letztere möchte aber lieber „Flower“ genannt werden. Am Morgen danach sitzen sie in der Kantine der Kammerspiele – das Frühstück ist im Übernachtungspreis von 30 Euro enthalten – und sehen müde aus. „Wir konnten von drei bis sechs Uhr schlafen“, erzählt Flower. Um sieben ging der Baustellenlärm los, direkt neben den Betten. Die beiden sind Mitte zwanzig, er ist selbstständiger Programmierer, sie Psychologin, die sich aber als „Beduinin“ auf Weltreise begibt.

„Der Raum ist total liebevoll eingerichtet“, sagt Chuck. Spät abends haben sie noch Tee gemacht, neun Leute waren da. Es sei ein „großer Spaß“ gewesen. „Das Highlight war aber“, meint Flower, „als ich mir nachts um drei auf der Maximilianstraße die Zähne geputzt und das Wasser in den Gully gespuckt habe“. Nicht ganz so angetan ist ein 50-jähriger Mann, der im Giesinger Rosengarten im „House of simple pleasures“ genächtigt hat. Zwar war die Parkanlage abgesperrt, er hatte einen Schlüssel. Aber einige Leute seien reingeklettert und hätten drei Stunden lautstark gefeiert. „Ich hab mich nicht getraut, einen Mucks von mir zu geben.“ Der tiefere Sinn des Projekts liege darin, meint er, „dass man auf Schlafentzug gesetzt wird und nachdenken soll“.

Angesichts der Tausenden von Flüchtlingen, die in der vergangenen Woche am Münchner Hauptbahnhof ankamen, wirkt das „Shabbyshabby“-Projekt irritierend. Alle Übernachtungsgäste sagen, dass sie an die Menschen am Bahnhof gedacht haben. Man kann nun kritisieren, dass „Shabbyshabby“ die kulturaffine Mittelschicht anspricht, die eine Nacht im Billig-Apartment als Erlebnistrip mitnimmt. Vor allem aber sind die teilweise wunderhübschen Hütten an unmöglichen Orten bunte Farbtupfer, die München dringend nötig hat. Bauen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt.

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